Altersarmut im Norden

Warum viele Senioren keine Hilfe annehmen wollen

Älteren Menschen fällt es oft schwer, Hilfe vom Staat in Anspruch zu nehmen. Doch immer mehr Rentner sind dazu gezwungen – oder sie leben in Armut. Die Kirche bietet Rat.

Foto: Monika Skolimowska / dpa

von Thorge Rühmann

Husum/Rendsburg. Ein Sturz auf dem Bürgersteig. Der Oberschenkelhals bricht, ein älterer Mensch muss ins Krankenhaus. Monate in der Reha oder zuhause in der Pflege stehen bevor. Aufwand und Ausgaben, die damit verbunden sind, überfordern viele Haushalte in Schleswig-Holstein. Doch auch ohne Sturz oder Krankheit sind stets mehr Rentner zwischen Nord- und Ostsee auf Sozialhilfe angewiesen – für viele ein Tabu.

Zwischen 2012 und 2017 stiegen die Ausgaben für „Grundsicherung im Alter und Erwerbsminderung“ um rund 21 Prozent auf mehr als 250 Millionen Euro. Das gab die Landesregierung vor Kurzem bekannt. Laut des Statistikamts Nord erhielten zuletzt 20 600 Schleswig-Holsteiner solche Hilfen. Doch die Dunkelziffer tatsächlich betroffener Senioren liege viel höher, so Sven Picker vom Sozialverband Deutschland: Er geht von bis zu 10.000 weiteren Rentnern aus, die zwar einen Anspruch auf Hilfe haben, sich aber aus Scham nicht melden – und in Armut leben.

In Schieflage

„Es gibt eine Scheu in meiner Generation, sich selbst als Bittsteller zu sehen“, bestätigt Hilde Zeugner. „Hilfe annehmen, das ist ganz, ganz schwer für uns.“ Die 78-jährige Husumerin hat sich jahrelang bei der Tafel vor Ort engagiert. Viele aus dem Bekanntenkreis suchen daher ihren Rat. Das Wohnen werde zu teuer, hört sie am Telefon. Aber Sozialhilfe? „Dat heff ik noch nie mookt, dat will ik ok nicht!“, heißt es dann. 

„Wir waren immer eine aktive Generation, die sich selbst zu helfen wusste“, sagt die 78-Jährige Husumerin. Ihre Generation, das sind die Jahrgänge 1935 bis 1955. Nun werde es für viele eng, mit dem kleiner werdenden Bekanntenkreis bleibe mehr und mehr die gegenseitige Hilfe aus.  

Stirbt ein Ehepartner oder muss gepflegt werden, sorgt das für eine finanzielle Schieflage, aus der manche nicht mehr allein herausfinden. Vor allem Frauen hätten damit zu kämpfen:  „Viele haben wegen der Kindererziehung und der Haushaltspflege nicht genügend Vorsorge fürs Alter treffen können“, so Alis Rohlfs von der Schuldnerberatung der Landesdiakonie. Landespastor Heiko Naß fordert unter anderem eine Erhöhung des Mindestlohns, um das Problem zu niedriger Renten zu entschärfen.

Große Belastung

Viele ältere Menschen kümmerten sich um ihren Partner, bis sie selbst fast zum Pflegefall würden, schildert Zeugner: „Die Belastung ist riesengroß. Viele sind verzweifelt, weil sie nicht mehr weiter wissen. Sie fallen in Lethargie, gehen nicht mehr unter Menschen. Das geht ein oder zwei Monate, dann bricht das Kartenhaus zusammen.“ Sie fordert: „Man muss sich eingestehen, dass man Hilfe braucht und diese auch annehmen.“ Sie selbst habe diese Hemmschwelle überwunden und mithilfe ihres Sohns entsprechende Anträge gestellt – etwa für einen Rollator oder Pflegeaufwand. Besonders das Netzwerk „Pflege in Not“, in dem sich mehrere Institutionen gemeinsam Lösungen für die Senioren erarbeiten, lobt sie. 

Bis heute engagiert sich Zeugner bei der Arbeiterwohlfahrt. „Jeden Monat müssen die am Rand der Gesellschaft knapper kalkulieren. Das wird nicht besser, sondern verschärft sich eher noch“, sagt sie – und befürchtet, dass sich die Altersarmut in den nächsten Jahren weiter verschlimmern könnte.

Tipps und Infos rund um das Thema Altersarmut finden sich auf www.schuldnerberatung-sh.de

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