Initiative in Flüchtlingsheimen

Damit der Streit nicht eskaliert

Die Diakonie in Kiel will Gewalt in Flüchtlingsunterkünften vorbeugen. Sie setzt auf ein Konzept, das die Bewohner mit entwickelt haben.

Renate Sticke, Katrin Mates (beide Diakonie Altholstein) und Katharina (Büro des Kieler Flüchtlingsbeauftragten, v.l.)

Renate Sticke, Katrin Mates (beide Diakonie Altholstein) und Katharina Wulf (Büro des Kieler Flüchtlingsbeauftragten, v.l.) Foto: Nadine Heggen

von Nadine Heggen

Kiel. Oft sind es Kleinigkeiten, an denen sich der handfeste Streit entzündet. Der unangekündigte Besucher, der plötzlich im Zimmer steht. Die ausgestreckte Hand, die als Angriff verstanden wird. Der Kochtopf, der auf dem falschen Herd steht. Katrin Mates und Renate Sticke von der Diakonie Altholstein kennen solche Konflikte, die in gewalttätigen Auseinandersetzungen gipfeln. Sie betreuen die Gemeinschaftsunterkunft in Kiel-Wik, in der ­aktuell 362 Flüchtlinge leben. 

Um Gewalt vorzubeugen, setzt die Diakonie seit Juli 2017 das Bundesprogramm „Initiative zum Schutz von Frauen und Kindern in Flüchtlingsunterkünften“ in Kiel-Wik um, das mit 40  000 Euro gefördert wird. Das Gewaltschutzkonzept wurde von Mitarbeitern und Bewohnern gemeinsam erstellt. Es sieht Rückzugsräume für Frauen vor, abschließbare Wohn- und Sanitärbereiche sowie Einzel- und Gruppengespräche bei Problemen. Auch gut beleuchtete Flure und ein Verhaltenskodex, der auf Respekt und Achtung der Privatsphäre basiert, gehören dazu.

"Auch Frauen können Täter sein"

„Allein dadurch, dass nicht mehr so viele Flüchtlinge in der Unterkunft leben, hat die Gewalt schon abgenommen“, erklärt Unterkunftsleiterin Katrin Mates. Mit 1100 Plätzen gehört die ehemalige Marinetechnikschule in Wik landesweit zu den größten Flüchtlingsunterkünften in kommunaler Hand. In Hochzeiten lebten hier 600 Menschen, teilweise acht auf einem Zimmer. 

Häusliche Gewalt beispielsweise gibt es in Wik aber immer noch. „Nicht nur Männer schlagen Frauen. Auch Frauen können die Täter sein und Männer die Opfer“, sagt Mates. In solchen Fällen sei es wichtig, die Opfer zu beraten und den Aggressoren Handlungsalternativen anzubieten. „Unser Konzept hat das Ziel, Machtverhältnisse aufzulösen und den Menschen Zugang zu Hilfssystemen zu eröffnen“, betont Renate Sticke. Den Opfern erklären die Diakonie-Mitarbeiter, dass in Deutschland andere Gesetze herrschen als in ihrem Heimatland. Dass beispielsweise Frauen hier ein selbstbestimmtes Leben führen können. Und dass Kinder ein Recht haben auf eine gewaltfreie Erziehung.

Katharina Wulf vom Büro des Kieler Flüchtlingsbeauftragten begrüßt das Engagement der Diakonie und hofft auf Nachahmer. Zu diesem Zweck hat sie ein 30-seitiges Papier mit Empfehlungen zur Gewaltprävention erarbeitet, das sie ab Januar Kommunen an die Hand geben möchte. Neben baulichen Empfehlungen gibt sie den Rat, den Flüchtlingen genügend Privatsphäre einzuräumen, die Anonymität etwa durch Gemeinschaftsküchen zu verringern und Mehrfachbelegungen der Räume abzustellen. „Wenn es bei zu vielen Menschen auf engem Raum zu Konflikten kommt, ist das ein soziales Problem und kein ethnisches“, sagt Wulf.

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