Die Wiege der deutschen Warenhauskultur steht in Stralsund

Von Stralsund in die ganze Welt

Die Geschichte der Warenhäuser Wertheim und Tietz ist bisher wenig bekannt. Die jüdischen Geschäftsleute wurden von den Nationalsozialisten enteignet. Eine neue Ausstellung erinnert an die Geschichte.

Blick vom Turm der St.Marienkirche über die Dächer von Stralsund mit der Nikolaikirche im Hintergrund.

Blick vom Turm der St.Marienkirche über die Dächer von Stralsund mit der Nikolaikirche im Hintergrund. Foto: epd-bild / Jens Schulze

Von Nicole Kiesewetter

Stralsund. "Schauen Sie sich einmal die großartige Fassade an", schwärmt Nadine Garling von dem 1903 erbauten Wertheim-Gebäude im Zentrum der Hansestadt Stralsund. "Es ist eines der wenigen noch erhaltenen historischen Warenhäuser Deutschlands." Sehenswert ist aber nicht nur die großartige Fassade des denkmalgeschützten Gebäudes. Einer von ursprünglich zwei Lichthöfen wurde vor mehreren Jahren restauriert und ist über das dort ansässige Mode-Geschäft zugänglich. Eine neue Ausstellung in der Stralsunder St. Jacobi-Kirche informiert über die Geschichte der jüdischen Kaufmannsfamilien.

Wertheim, Hertie und Kaufhof nahmen in Stralsund ihren Anfang

Das Wertheim-Emblem sowie historische Mosaike und Figuren zieren die Wände. Nur wenige Meter weiter betrieb Leonhard Tietz von 1879 an sein erstes Textilwaren-Geschäft. Vor dem Sprung nach Berlin und in andere deutsche Städte erprobten die beiden deutsch-jüdischen Familien in der Hansestadt damals revolutionäre Verkaufsprinzipien. Die bis heute wechselvolle Geschichte der großen deutschen Warenhäuser Wertheim, Hertie und Kaufhof nahm in Stralsund ihren Anfang. "Wir haben uns zum Ziel gesetzt, über die Ursprünge der deutschen Warenhauskultur in Stralsund und die jüdische Geschichte in der Hansestadt zu informieren", sagt Nadine Gerling. Dafür wurde 2011 der Förderverein "Historische Warenhäuser Wertheim und Tietz in Stralsund" gegründet.

Warenhaus als neues Verkaufskonzept

Bereits 1852 eröffneten die Brüder Abraham und Theodor Wertheim in Stralsund ihr "Manufactur-Modewarengeschäft". 1875 entstand das erste Wertheim-Kaufhaus von Abraham und Ida Wertheim, ein kleines Kurzwarengeschäft an der Ecke von Mönch- und Mühlenstraße. 1876 stiegen die Söhne in das Geschäft mit ein, erweiterten die Produktpalette und brachten neue Ideen mit. "Neuerungen waren das Umtauschrecht und die Möglichkeit, die Waren vor dem Kauf ausgiebig zu betrachten", weiß Historikerin Nadine Gerling, deren Spezialgebiet jüdische Geschichte ist. Erstmals galten auch einheitliche Preise für alle Gesellschaftsschichten.
1885 eröffnete Georg Wertheim zusammen mit seinen Brüdern die erste Filiale des Manufakturwarengeschäfts in Berlin. 1902 erwarben die Wertheims in Stralsund die Grundstücke Ossenreyerstraße 8-10 und ließen dort ein großes Kaufhaus errichten, das 1903 eröffnet und 1927 durch den Zukauf weiterer Grundstücke erweitert wurde. Der stetige wirtschaftliche Aufschwung wurde Anfang der 1930er Jahre durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten und ihren Boykott gegen jüdische Geschäfte jäh gestoppt.

Enteignung 1935 durch Nationalsozialisten

Georg Wertheim glaubte, sein Vermögen retten zu können, indem er es 1934 seiner nichtjüdischen Frau Ursula übertrug. Dennoch wurde die Firma Wertheim 1935 als "rein jüdisch" eingestuft und zwei Jahre später durch die Nationalsozialisten enteignet. Aus den Kaufhäusern von Hermann Tietz wurde nach dem Krieg Hertie, aus denen seines Cousins Leonhard Tietz Kaufhof und aus Wertheim die AWAG (Allgemeine Warenhaus Gesellschaft AG). Das Stralsunder Haus gehörte ab 1949 zur Handelsvereinigung Konsum.

Ausstellung in der Kulturkirche St. Jacobi

Am Donnerstag, 8. November wird in der Kulturkirche St. Jacobi die Ausstellung "Die jüdischen Kaufmannsfamilien in Stralsund" eröffnet. Große Schautafeln informieren über Orte jüdischer Geschichte und die Biografien der prägenden Kaufmannsfamilien. "80 Jahre nach den Novemberpogromen 1938 und dem Beginn der systematischen Auslöschung jüdischen Lebens in ganz Deutschland ist es heute wieder besonders wichtig, die Erinnerung wach zu erhalten und sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus stark zu machen", ist Nadine Garling überzeugt.

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