Wertvolle Kirchenbibliothek

Ein Schatz ist wieder da

Die Kirchengemeinde St. Johannis in Neubrandenburg besitzt eine Sammlung mit historischen Bibeln. Jahrelang wusste sie davon nichts, denn die Bücher lagerten in Schwerin und Rostock – bis jetzt.

Jutta Tews von der Regionalbibliothek Neubrandenburg präsentiert einen Bibelkommentar von 1625

Jutta Tews von der Regionalbibliothek Neubrandenburg präsentiert einen Bibelkommentar von 1625 Foto: Sophie Ludewig

von Sophie Ludewig

Neubrandenburg. Bis vor anderthalb Jahren hatte er noch nie etwas von der Kirchenbibliothek von St. Marien gehört, erzählt Ralf von Samson. „Das war eine echte Überraschung“, erinnert sich der Pastor der Johannisgemeinde. Nachdem die Marienkirche in den letzten Kriegstagen 1945 durch einen Brand zerstört worden war, wurde St. Johannis zur neuen Hauptkirche von Neubrandenburg ernannt und übernahm die frühere Mariengemeinde. Sozusagen als Erbstück erwarb sie damit auch einen über vierhundert Jahre alten Bücherschatz. 

Bereits im 16. Jahrhundert hatte die Gemeinde St. Marien mit dem Aufbau einer Bibliothek begonnen. Eifrig wurden kostbare Bände zusammengetragen. Wer etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, schenkte der Gemeinde ein wertvolles Buch, so wie der Neubrandenburger Pastor Georg Schirmer, der im Jahr 1585 seinen privaten Buchbestand der Kirche übergab. Diese Bibliothek war damals in einem kleinen Anbau an der Marienkirche untergebracht. 

Mehr als 400 Bände

Beim großen Stadtbrand 1676 fielen die Bücher jedoch den Flammen zum Opfer. Aber die Gemeinde begann sofort, eine zweite Sammlung aufzubauen, die man nun im Pfarrhaus verwahrte. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde der Bestand, der der Bildung und Amtsführung der Pastoren dienen sollte, ständig erweitert. Wahrscheinlich weil sie die historischen Bücher nicht mehr adäquat lagern konnte, übergab die Gemeinde sie 1977 an den Oberkirchenrat in Schwerin.

Ab 1986 wurden die 916 Titel in 462 Bänden im Landeskirchlichen Archiv in der Rostocker Nikolaikirche aufbewahrt und das Wissen über ihre Existenz geriet in Neubrandenburg in Vergessenheit. Im Rahmen des Projekts „Historische Kirchenbibliotheken in Mecklenburg-Vorpommern“, das die Nordkirche und die Universitätsbibliothek Rostock 2016 bis 2017 gemeinsam durchführten, wurde die Sammlung schließlich wiederentdeckt. 

Weil die Bestände nun restauriert und dokumentiert sind, konnten sie nach Neubrandenburg zurückkehren und lagern seit kurzem in den Magazinräumen der Regionalbibliothek in unmittelbarer Nähe zur Marien- und zur Johanniskirche. „Wir freuen uns, dass diese Bibliothek ihre Odyssee so gut überstanden hat“, meint Cornelia Chamrad von der Rostocker Universitätsbibliothek. Sie sei begeistert davon, wie viele kostspielige Pergamenteinbände die Sammlung aufweist: „Es wurden zum Teil wunderschöne Papiere verwendet beim Druck. Das zeigt, wie wohlhabend die Schenker waren.“ 

Ältestes Werk von 1534

Für ihre Kollegin Christiane Michaelis liegt der finanzielle Wert des Bestands, der überwiegend aus theologischer Fachliteratur in lateinischer Sprache besteht, in der Sammlung als Ganzes: „Ich würde mich hüten, da einen einzelnen Titel als besonders wertvoll herauszustreichen.“ 

Das älteste Werk in der Bibliothek von St. Marien, eine 1534 in Basel gedruckte Bibelausgabe in hebräischer Sprache, würde bei einer Versteigerung sicherlich einen hohen Preis erzielen, räumt Christiane Michaelis ein. Erworben hatte die Gemeinde dieses Buch selbst bei einer Auktion im Jahr 1704. Zunächst hatte die Bibel einem bayrischen Pfarrer gehört, doch 1617 kam sie in den Besitz des Pastors Georg Zeamann, der sie mit an seinen neuen Arbeitsplatz in Stralsund nahm. Zeamanns Bücher wurden schließlich in Greifswald versteigert, wo die Neubrandenburger wohl mitgeboten haben. 

Eine kostbare Besonderheit sind auch die rund 120 Drucke, die in dieser Form nur noch in der Neubrandenburger Kirchenbibliothek vorhanden sind, wie der Text zu Georg Philipp Telemanns Oratorium „Sauls Fall“ von 1730. 

Info
Wer sich näher für die Sammlung interessiert oder sie zu wissenschaftlicher Forschung nutzen möchte, kann sie auf Antrag in der Neubrandenburger Regionalbibliothek einsehen. Im Gemeinsamen Verbundkatalog sind alle Titel aufgeführt und einige der Werke bereits vollständig digitalisiert abrufbar. (epd)

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