"Ich wähle, weil ich kann"

Wie Kirchengemeinden Erstwähler gewinnen wollen

Erstmals dürfen in den meisten niedersächsischen Kirchen bei den Kirchenvorstandswahlen schon 14-Jährige ihre Stimme abgeben. Einige Kirchen locken mit besonderen Aktion – als Preise winken Eis und Kino-Gutscheine.

Joe Moebius (17, li.) und Henry Boos (16) werben vor der Kirche in Burgdorf für die Wahl

Joe Moebius (17, li.) und Henry Boos (16) werben vor der Kirche in Burgdorf für die Wahl Foto: Dethard Hilbig / epd

von Karen Miether

Hannover/Oldenburg. Joe Möbius fasst sich kurz. "Ich wähle, weil ich kann", heißt der Slogan, mit dem der 17-Jährige begründet, warum er bei den Kirchenvorstandswahlen an diesem Sonntag seine Stimme abgeben will. Die Basecap lässig mit dem Schirm nach hinten aufgesetzt, prangt sein Bild auf einem Flyer der evangelischen Jugend im Kirchenkreis Burgdorf bei Hannover. Der Schüler gehört zu den Jugendlichen, die auf der Broschüre für die Wahl werben. Für Möbius selbst ist die Teilnahme eine Premiere. Mit ihrem Flyer haben die Burgdorfer aber auch diejenigen im Blick, die noch jünger sind als sie selbst. 

Erstmals dürfen bei den Kirchenwahlen in fast allen niedersächsischen Gemeinden auch schon 14-jährige Kirchenmitglieder wählen. Die oldenburgische, die braunschweigische und die hannoversche Landeskirche haben das Wahlalter von zuvor 16 Jahren um zwei Jahre herabgesetzt. In der reformierten Kirche erwerben die Jugendlichen mit der Konfirmation auch das Wahlrecht. Insgesamt sind landesweit rund drei Millionen Gemeindemitglieder zur Wahl aufgerufen. Davon sind mehr als 47.000 jünger als 16 Jahre. Mit einer gemeinsamen Kampagne werben die Kirchen unter anderem über das Internet für die Wahl. 

Reinfeiern in den Wahltag

Nicht nur in Burgdorf haben aber auch Jugendliche selbst den Stein ins Rollen gebracht. In Winsen an der Luhe etwa erklären sie in einen Animations-Film, was ein Kirchenvorstand ist und warum es lohnen könnte, sich dafür zu interessieren. In der oldenburgischen Kirche haben Jugendliche unter dem Motto "Dein erstes Mal" eine Postkartenaktion initiiert, wie Kirchensprecher Dirk-Michael Grötzsch berichtet. 11.000 Karten seien mittlerweile gedruckt worden. "Wer sich darauf die Teilnahme an der Wahl bestätigen lässt und per WhatsApp ein Foto davon an die Pressestelle der Kirche schickt, kann Kinogutscheine gewinnen." 

Die hannoversche Landeskirche ruft ebenfalls zum Wettbewerb auf. Sie spendiert laut Sprecher Benjamin Simon-Hinkelmann 20 Kilo Eis für diejenige Gemeinde, die unter den 14- und 15-Jährigen die höchste Wahlbeteiligung erreicht. Vor Ort trommeln einige mit Aktionen rund um die Wahllokale. Im Kirchenkreis Nienburg etwa wollen Kirchenbands aufspielen. Mit Wahlcafés locken andere. Oder sie feiern wie die Katharinen-Gemeinde zu Steina in Bad Sachsa gleich in den Wahltag hinein. 

Flashmob in Planung

Im Kirchenkreis Bramsche wollen sich die Jungwähler im Alter zwischen 14 und 20 Jahren zum Flashmob treffen, um gemeinsam um Punkt 14:14 Uhr zur Wahl zu gehen. "Es wird gleich ganz anders wahrgenommen, wenn dort viele junge Leute ankommen", sagt Kreisjugendwart Stephan Egbert. "Wir werden sichtbar." 

Die hannoversche Landesjugendpastorin Cornelia Dassler hofft, dass die Stimme der Jugendlichen mehr Gewicht bekommt. Durch den demografischen Wandel nehme die Zahl der Älteren in den Kirche zu, sagt sie. Das neue Wahlrecht könne für einen kleinen Ausgleich sorgen – zumindest, wenn es gut läuft. Bei den Wahlen 2012 lag die Beteiligung bei den Kirchenvorstandswahlen niedersachsenweit insgesamt nur bei gut 18 Prozent. Ob sich die Jungwähler gewinnen lassen, ist offen und damit aus Dasslers Sicht vor allem eine Herausforderung an die Kirchen. 

Entgegen dem Wunsch, die Jugendarbeit zu stärken, hätten in der hannoverschen Landeskirche Stellenkürzungen in den vergangenen zehn Jahren diesen Bereich besonders hart getroffen. "Nur dort, wo die Jugendlichen vorkommen, lässt sich ihnen auch vermitteln, dass die Kirchenvorstandswahlen für sie wichtig sind", sagt sie. "Es wird spannend, welche Schlüsse wir ziehen können." Das Team aus Burgdorf zumindest will mit gutem Beispiel vorangehen, sagt der 17-jährige Henry Boos: "Wir sind Teil der Zukunft." (epd)

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