„Zu große emotionale Nähe“

Schröder-Köpf kritisiert Medien in der Flüchtlingskrise

Kritische Fragen wurden nicht gestellt, bemängelt die Migrationsbeauftragte. Medien seien Teil der „Willkommenskultur“ geworden.

Mehr Distanz in der Flüchtlingskrise fordert Doris Schröder-Köpf

Mehr Distanz in der Flüchtlingskrise fordert Doris Schröder-Köpf Foto: Lukas Barth / epd

Hannover. Die niedersächsische Migrationsbeauftragte Doris Schröder-Köpf (SPD) hat deutschen Medien eine zu große emotionale Nähe in der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise vorgeworfen. "Ich wünsche mir mehr Distanz", sagte sie in Hannover bei einer Podiumsdiskussion der Volkswagenstiftung zur Krise des Journalismus. Als im Sommer 2015 immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen, seien Medien selbst Teil der euphorischen "Willkommenskultur" gewesen und hätten kritische Stimmen im In- und Ausland kaum widergegeben.

Journalisten hätten auch wichtige Fragen wie etwa nach der Rechtmäßigkeit der Grenzöffnung für Flüchtlinge nicht gestellt, kritisierte Schröder-Köpf, die früher selbst als Journalistin arbeitete. Zudem habe sich die Presse hierzulande viel zu spät mit den Flüchtlingen befasst. "Die Krise gibt es ja schon länger." Doch solange die Menschen in Südeuropa strandeten und Deutschland nicht erreichten, sei dies hier kein Thema gewesen, erläuterte die 52-jährige Politikerin. "Das war ein großes Versäumnis." Dennoch seien im Vergleich zu Kollegen in anderen Ländern deutsche Journalisten "sehr verantwortungsbewusst".

Selbskritische Journalisten

Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung", sagte, durch die Flüchtlingskrise seien Journalisten selbstkritischer geworden. Das liege vor allem an sozialen Online-Netzwerken. Diese seien von Redaktionen jahrelang ignoriert worden. "Das war falsch. Facebook ist der neue Marktplatz", betonte Brandt. In den letzten Monaten habe seine Redaktion viel über die Bedeutung des Internets dazugelernt. Jedoch gebe es bei der Verbreitung von Informationen auf Facebook, Twitter oder WhatsApp im Gegensatz zum professionellen Journalismus keine ethischen und handwerklichen Standards, so Brandt. "Es quatscht heute einfach jeder mit."

In solchen Online-Gruppen könne jeder die Sau rauslassen und Unterstützer finden, erläuterte der Düsseldorfer Medienforscher Gerhard Vowe. Daran könnten etablierte Medien nichts ändern. Diese hätten mit ihrer Haltung in der Flüchtlingsfrage die Bevölkerung sehr polarisiert und damit sogar einen Anteil an den jüngsten Wahlerfolgen der AfD, sagte der Professor von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Andererseits hätten die Medien durch ihre Berichterstattung indirekt auch eine unerwartet große Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. (epd)

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