Abschiedsgottesdienst für Landesbischof Gerhard Ulrich

Der Kapitän der Nordkirche geht von Bord

Durch stürmische See hat Landesbischof Gerhard Ulrich die junge Nordkirche in ruhige Gewässer geführt. Jetzt verlässt der Kapitän die Brücke. Mit einem Festgottesdienst ist er in den Ruhestand verabschiedet worden.

Landesbischof Ulrich bei seinem Abschiedsgottesdienst

Landesbischof Ulrich bei seinem Abschiedsgottesdienst Foto: Rainer Cordes / epd

von Thomas Morell

Schwerin. In der Nordkirche endet eine Ära: Mit einem Festgottesdienst im Schweriner Dom ist ihr erster Landesbischof Gerhard Ulrich in den Ruhestand verabschiedetworden. Seinem persönlichen Engagement, seinem Charisma und seiner Rhetorik ist es vor allem zu verdanken, dass Pfingsten 2012 die Nordkirche aus den Landeskirchen Nordelbien, Mecklenburg und Pommern gegründet wurde. Gefeiert wurde seine Verabschiedung an seinem 68. Geburtstag. (Ein Ulrich-Porträt lesen sie hier)

Christlicher Glaube dürfe sich nicht zufriedengeben mit dem, was man anscheinend nicht ändern könne, sagte Ulrich in seiner Predigt. Er dürfe sich daher nicht zufriedengeben mit Ungerechtigkeit, der Not der Flüchtlinge und der Verfolgung aus religiösen Gründen. "Der Überschwang des Glaubens macht nicht ruhig, sondern unruhig – auch im Ruhestand." 

Das Licht bleibt an

Als 22-jähriger Schauspieler, so Ulrich, sei er am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater von einem biblischen Psalm inspiriert worden, Theologie zu studieren. Er sei diesen Weg "als Fragender und Suchender" gegangen. "Der Landesbischof geht ab – irgendwohin. Das Licht bleibt an. Der Vorhang bleibt offen."

Als "norddeutscher Jung" habe Ulrich immer zwischen den Meeren gelebt, sagte der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, der als Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) Ulrichs Amtskreuz entgegennahm. "Wer im Sonnenaufgang über der Ostsee oder im Abendrot über der Nordsee nicht anfängt, an eine Schöpfermacht zu glauben, der bleibt ein gefühlloses Ding." Beide Landesbischöfe sind gebürtige Hamburger. 

Aber als Norddeutscher wisse er auch, was Gegenwind sei, so Meister. "Wo der Süddeutsche panisch 'Sturm' schreit, ist es für uns gerade erst eine gesunde, steife Brise." Als Landesbischof habe er Brücken gebaut und sei ein guter Zuhörer gewesen. "Engstirnigkeit war dir ein Graus." 

Zuallererst Pfarrer und Seelsorger

Ulrich habe maßgeblich dazu beigetragen, dass der Zusammenschluss der Landeskirchen eine Begegnung auf Augenhöhe gewesen sei, sagte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD). "Zwischen großen und kleinen Kirchen, zwischen Stadt und Land, zwischen Ost und West." Für viele evangelische Christen in Mecklenburg-Vorpommern sei die Nordkirche "ein wirkliches Zuhause geworden".

Als Landesbischof sei Ulrich zuallererst "Pfarrer und Seelsorger" gewesen, betonte der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Er habe dabei stets auch den öffentlichen Auftrag der Kirche wahrgenommen und sich mit großem Engagement für einen humanen Umgang mit Geflüchteten, für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung eingesetzt.

Der katholische Erzbischof Stefan Heße ging mit einem Augenzwinkern die Unterschiede zwischen beiden Bischöfen ein: "Sie sind älter als ich, sind größer und haben mehr Kinder. Sie fiebern beim HSV mit – mich lässt Fußball kalt." Die Gemeinsamkeiten seien jedoch weit größer: Im Zentrum stehe, die frohe Botschaft von der Liebe Gottes allen Menschen zu verkünden. 

Immer noch streitbar

Ulrich sei aus seinem Glauben heraus ein politischer Bischof gewesen, sagte die Schleswig-Holsteins Justizministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU). Wichtig seien ihm vor allem die Themen Gerechtigkeit, Integration und die Bewahrung der Schöpfung. "Sie waren und sind streitbar." 

Er habe immer darauf gedrängt hat, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, erklärte Martin Junge, Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes. Eines seiner grundlegenden Anliegen sei der menschenwürdige und barmherzige Umgang mit Menschen auf der Flucht. 

Bischof Ulrich war nicht nur auf der Kanzel ein Schauspieler im guten Sinne. Vor seinem Theologiestudium studierte er Theaterwissenschaft und absolvierte zwei Spielzeiten am Ernst-Deutsch-Theater. Er war später Pastor in Barsbüttel bei Hamburg und Hamburg-Wellingsbüttel, Direktor des Predigerseminars in Preetz bei Kiel und Propst im Kirchenkreis Angeln an der Schlei, wo er mit seiner Familie bis heute lebt. 2008 wurde er zum Schleswiger Bischof gewählt, 2013 dann zum Landesbischof der neuen Nordkirche. Von 2011 bis 2018 war er im Nebenamt Leitender Bischof der VELKD. 

Die Nordkirche hat rund zwei Millionen Mitglieder und umfasst die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Hamburg. Ulrichs Nachfolgerin Kristina Kühnbaum-Schmidt (54) wird ihr Amt als Landesbischöfin am 1. April antreten. (epd)

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