Urlauerseelsorge auf Norderney

Mit Talar und Badehose

Rund 100 Pastoren sind jährlich in Niedersachsen als Urlauberseelsorger im Einsatz. Dabei kommen sie mit unterschiedlichen Menschen aller Konfessionen zusammen – auch auf Norderney.

Beim „Wattgottesdienst“ wird ein Surfbrett zum Altar. Urlauberseelsorger Manfred Trümer (r.) hilft dem Inselpastor Stephan Bernhardt bei der Vorbereitung.

Beim „Wattgottesdienst“ wird ein Surfbrett zum Altar. Urlauberseelsorger Manfred Trümer (r.) hilft dem Inselpastor Stephan Bernhardt bei der Vorbereitung.

von Verena Leidig

Norderney. Der Gute-Nacht-Segen und die Morgenandacht, Wald-, Strand- und Hauptgottesdienste. Dazu Besuche im Krankenhaus und ökumenische Kirchenführungen. Ein Urlaub im eigentlichen Sinn ist die Urlauberseelsorge nicht – dennoch möchte Matthias Strickler im kommenden Sommer gern wieder nach Norderney kommen. Nach knapp drei Wochen auf der Insel kehrt er erholt in seine Heimat Zweibrücken in der Pfalz ­zurück. Dort ist der 48-Jährige Pastor einer evangelischen Kir­chen­gemeinde mit rund 2000 Gemeindegliedern.

Wertvoller Blick über den Tellerrand

Bereits zum dritten Mal hat Strickler mit seiner Frau Kerstin Petri und dem achtjährigen Sohn Aaron seine Sommerferien auf der Nordseeinsel verbracht. Der Einsatz als Kurseelsorger wird zur Hälfte als Erholungsurlaub und zur anderen Hälfte als Sonderurlaub berechnet. Die Unterkunft ist günstig, die Fahrkosten werden erstattet, und er bekommt 30 Euro pro Tag zusätzlich. In den Jahren zuvor hat Strickler bereits Dienste in Kitzbühel und Butjadingen übernommen.

Seine Frau habe ihn gefragt, ob er viel an die Arbeit in der Heimatgemeinde gedacht habe. Kaum, sagt Strickler, er habe den Kopf freibekommen: „Ich konnte gut abschalten, obwohl ich im Dienst war.“ Außerdem könne man von den Kollegen und der Gemeinde lernen. Zu Hause schmore man oft „im eigenen Saft“, sagt der gebürtige Pfälzer. „Der Blick über den Tellerrand ist mir wichtig.“ So nimmt er Ideen mit, die er in seiner Gemeinde umsetzen möchte. Etwa das Entzünden einer Trauerkerze zu Beginn des Gottesdienstes. Und auch die moderne Liturgie, nach der auf Norderney immer öfter Gottesdienst gefeiert wird.

Neben der Badehose gehörte auch der Talar ins Urlaubsgepäck

Obwohl die Kasualvertretung üblicherweise nicht Teil des Einsatzes ist, war er darauf eingestellt, auch Beerdigungen zu übernehmen. Eine Trauerfeier aber stand nicht an. Dafür waren wöchentliche Besuche im Insel-Krankenhaus Teil der Arbeit: „Das ist mir wichtig“, sagt Strickler, der auch in seiner Heimatgemeinde etwa einen Besuch pro Tag macht. Solche direkten Kontakte und Gespräche seien für die Zukunft der Kirche wesentlich, meint er – auch wenn sie nicht unbedingt zu mehr Gottesdienstbesuchen führten.

Auf Norderney habe er mit Menschen aus unterschiedlichen Regionen und Glaubensrichtungen. Neben sehr persönlichen Gesprächen hat er auch Diskussionen über die Kirche geführt. „Es ist nötig zu hören, wo der Schuh drückt und was die Menschen von der Kirche erwarten“, sagt Strickler. Er sei immer auf der Suche nach Alternativen zum traditionellen Gottesdienst: „Wir müssen den Mut haben, neue Formen auszuprobieren.“ Die Kirche müsse aufpassen, dass sie sich nicht länger mit sich selbst beschäftige: „Die Arbeit vor Ort ist das Wichtigste.“

Das bestätigt auch Pfarrer Manfred Trümer, der im Juli auf Norderney war: „Ich treffe auf der Insel Menschen aus ganz Deutschland. Sie kommen aus vielen Bereichen und gehören allen Konfessionen an – oder keiner Konfession“, erzählt er. „Es ist eine zufriedenstellende Arbeit“, sagt Antje Wachtmann, Referentin für Kirche im Tourismus Region Nord. „Viele Urlauber suchen kirchliche Angebote, und Pastoren berichten von vollen Gottesdiensten, angeregten Diskussionen und interessierten Menschen.“ Die Urlauberseelsorge in Deutschland organisieren die Landeskirchen, die Dienste im Ausland die Evangelische Kirche in Deutschland.

Neue Seelsorger sind immer gesucht

In Niedersachsen gibt es pro Jahr rund 100 Urlauberseelsorger, Ruheständler und aktive Pastoren, ein Drittel davon Frauen, sagt Wachtmann. „Wir hoffen vor allem auf Einsätze von jungen Pastoren.“ Auf den Inseln sind das ganze Jahr über Urlauberseelsorger im Einsatz, auf dem Festland nur während der Sommermonate. Vor allem die Ferienzeiten auf den Inseln seien begehrt. Die Tätigkeiten variieren von Ort zu Ort.

„Besonders für das Festland und für die Randzeiten suchen wir immer neue Seelsorger“, sagt Wachtmann. Die entlasten nicht nur die örtlichen Pastoren, sondern kommen oft auch mit neuen Ideen. So wie Matthias Strickler, der aus seiner pfälzischen Heimat eine biblische Weinprobe mitbrachte – denn der Wein erfreut laut Psalm 104 ja bekanntlich des Menschen Herz.

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