Bremer Pastor Olaf Latzel wegen Volksverhetzung vor Gericht 

Mit der Bibel auf der Anklagebank

Weil er abwertend über Homosexualität gesprochen hat, muss sich der Bremer Pastor Olaf Latzel in einem Strafprozess verantworten – und fühlt sich missverstanden.

Pastor Olaf Latzel (re.) mit seinem Anwalt Sascha Böttner vor Prozessbeginn

von Michael Althaus

Bremen. Großer Andrang vor dem Bremer Konzerthaus „Die Glocke“: Mehr als 50 Menschen stehen Schlange vor dem Eingang, andere verteilen Flugblätter. Ein Mann trägt eine Mönchskutte, darüber ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Gott auf der Anklagebank“. Tatsächlich sitzt nicht der Allmächtige, sondern der umstrittene evangelische Pastor Olaf Latzel auf der Anklagebank. Am Freitag hat der Strafprozess gegen den 53-jährigen Seelsorger der Bremer Sankt-Martini-Gemeinde wegen Volksverhetzung begonnen. Wegen der Corona-Pandemie findet die Verhandlung in der „Glocke“ statt.

Latzel betritt den Saal mit grimmigem Blick und einer Bibel in der Hand. Ein Wahl- und ein Pflichtverteidiger begleiten ihn. Weil die Staatsanwaltschaft mit zwei Vertretern erschienen ist, verlangt Latzels Anwalt aus Gründen der „Waffengleichheit“ die Beiordnung eines zweiten Pflichtverteidigers – ein Antrag, den die Richterin abschmettert.

Blick in die Gedankenwelt des Angeklagten

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Theologen in ihrer Anklage vor, sich in einem Eheseminar abwertend über Gender geäußert und Homosexuelle als Verbrecher bezeichnet zu haben. Eine Audio-Datei der Veranstaltung im Herbst 2019 soll einer seiner Mitarbeiter unter Zustimmung des Pastors auf der Internetplattform Youtube online gestellt haben. Aufgrund der ihm bekannten hohen Anzahl seiner Follower – mehr als 20.000 – sei Latzel sich der Reichweite seiner Äußerungen bewusst gewesen, so die Staatsanwaltschaft.


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Die gut anderthalbstündige Aufnahme des Eheseminars wird im Gerichtssaal abgespielt – und lässt in die Gedankenwelt des konservativen Predigers blicken. Er spricht er von der Ehe als „göttlicher Ordnung“, die gegen jegliche Formen der „Unzucht“ verteidigt werden müsse. Sex vor der Ehe, Fremdgehen, Scheidung – all das heißt der Pastor nicht gut. Er verurteilt die Idee, dass es mehr als zwei Geschlechter gebe: „Der ganze Gender-Dreck ist ein Angriff auf Gottes Schöpfungsordnung, ist zutiefst teuflisch und satanisch.“

Manchmal lächelt er

Und auch Homosexualität sieht Latzel als Gefahr für die Institution Ehe: „Diese Homo-Lobby, diese teuflische kommt immer stärker.“ In den Schulen werde propagiert, dass Homosexualität normal sei. „Überall laufen diese Verbrecher rum vom Christopher Street Day.“

Der Pastor lauscht seinen eigenen Worten vom Band überwiegend mit gesenktem Blick, manchmal lächelt er jemandem im Zuschauerbereich zu. Später entschuldigt er sich für seine Aussagen und erklärt, sie seien missverstanden worden. „Nie habe ich Menschen als Dreck bezeichnet.“ Er lehne zwar die homosexuelle Lebensweise auf Grundlage der Bibel ab, habe aber nichts gegen Homosexuelle. Mit dem Wort „Verbrecher“ habe er „militante Aggressoren“ gemeint, die ihn und seine Gemeinde immer wieder attackierten. Tatsächlich gab es Farb-Attacken auf die Martini-Kirche.

Dieser Mann macht seine Unterstützung für Latzel mit einem T-Shirt deutlich Foto: Tristan Vankann / epd

„Der Gesamtkontext zeigt deutlich, dass es sich um eine reine Schutzbehauptung handelt“, kontert die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer. Latzel differenziere in dem Eheseminar nicht zwischen Homosexuellen und Homosexualität. Der Angeklagte sei ein Fundamentalist, dessen Aussagen weit vom evangelischen Glauben entfernt seien. Die Ankläger fordern eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen a 90 Euro. Ein mildes Strafmaß, denn auf Volksverhetzung steht bis zu fünf Jahre Haft.

Urteil am Mittwoch

Die Verteidigung dagegen plädiert auf Freispruch. Latzels Anwalt spricht von einem „unfairen“ Verfahren. Latzel habe keine Menschen beleidigt, sondern lediglich gesellschaftliche Strömungen kritisiert. Er wirft der Staatsanwaltschaft vor, den Pastor bewusst misszuverstehen, um Stimmung gegen ihn zu machen und ihn aus der Bremischen Evangelischen Kirche zu drängen, bei der er angestellt ist. Letztlich, so der Anwalt, gehe es in dem Verfahren darum, ob die Aussagen der Bibel noch zeitgemäß seien. „Was Herr Latzel macht, ist nicht nur nicht en vogue, sondern stößt auf ganz erheblichen Widerstand.“

Der Pastor selbst gibt sich in seinem Schlusswort erneut reumütig: „Ich bin nicht dieses Monster, zu dem ich hier gemacht worden bin.“ Das Urteil soll am Mittwoch fallen. (KNA)

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