Alternative Energien in Gemeinden gefragt

Mehr Windkraft für die Kirche

Fotovoltaik und Windkraft sind gefragt: So erzeugen Kirchengemeinden in Schleswig-Holstein erneuerbaren Strom. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine ist das Interesse nochmal größer geworden.

Kirchengemeinderat Rüdiger Krämer vor den Windrotoren bei Havetoft in Angeln. Ein Windrad steht auf Kirchenland

von Johanna Tyrell und Thorge Rühmann

Havetoft/Hamburg. Rüdiger Krämer ist Vorsitzender des Kirchengemeinderats in Havetoft, einem Dorf mitten in Angeln. 1600 Mitglieder hat die Kirche hier, es gibt einen Gospelchor, einen Spielkreis – und neun Windkrafträder, die sich unweit des Dorfes drehen. Eines der Windräder steht seit 15 Jahren auf Kirchenland: Die Gemeinde erhält eine jährliche Pacht. „Wir sind froh, dass wir uns dafür entschieden haben“, sagt Rüdiger Krämer.

Die Erzeugung erneuerbarer Energie ist derzeit ein aktuelles Thema im Kirchenkreis Schleswig-Flensburg, zu dem auch Havetoft gehört. Jetzt hat die Synode des Kirchenkreises mit breitem Konsens ein weitreichendes Klimaschutzpaket beschlossen. Das Ziel: Der Kirchenkreis will bis zum Jahr 2035 klimaneutral sein. Pastor Ingo Gutzmann leitet das Regionalzentrum des Kirchenkreises in Kappeln und hat das Treffen mit vorbereitet. Er spricht von einem großen Schritt: „Klimaschutz ist jetzt bei uns prioritär, wir werden das Thema überall mit einbeziehen.“

Jetzt kommen die „dicken Fische“

Gleichwohl gebe es noch viel zu tun. „Wenn wir ernsthaft darauf zuarbeiten wollen, müssen wir jetzt die dicken Fische angehen“, so der Theologe. „Und das ist der Energieverbrauch in unseren Gebäuden und durch unsere Mobilität.“ Dabei gehe es auch darum, Gewohnheiten zu hinterfragen und zu ändern.


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Im ganzen Norden tut sich etwas: Nordkirchenweit habe sich seit der Klimasynode im Februar und dem Beginn des Krieges in der Ukraine das Interesse von Seiten der Kirchengemeinden an alternativen Energieformen verstärkt, berichtet Martin Jürgens. Er ist Energiemanager im Umwelt- und Klimaschutzbüro der Nordkirche in Hamburg. Besonders in der Stromversorgung hätten die erneuerbaren Energien mehr Anteile als vor einigen Jahren. Insgesamt gebe es rund 70 Fotovoltaikanlagen in der Nordkirche, 47 davon in Schleswig-Holstein. Jedoch sind die Angaben nicht vollständig – Jürgens rechnet mit weiteren Anlagen.

Während im Bereich der Wärme 2020 nur 3 Prozent der Energie aus erneuerbaren Energieträgern gewonnen wurden, waren es beim Strom 74 Prozent. Letzterer wird derzeit weniger aus kircheneigenen Anlagen gewonnen, sondern in Form von Ökostrom hinzugekauft. Nur ein Prozent dieses Stroms werde lokal erzeugt, so der Experte. Ein großes Potenzial, das sich hier verberge.

Foto: Thorben Wengert / Pixelio

Mit der Erzeugung von Strom aus Wind und Sonne lasse sich zudem Geld verdienen, sagt Pastor Gutzmann aus Kappeln – Mittel, die die Kirche für die energetische Sanierung ihrer Gebäude dringend brauche. Allerdings muss der Denkmalschutz beachtet werden, der solche Anlagen auf einer Kirche in Schleswig-Flensburg bisher kaum zulässt.

„Man sollte es nicht übertreiben“

Für den Energiemanager Martin Jürgens ist die Voraussetzung für eine Versorgung auf Basis von 100 Prozent erneuerbarer Energie, dass der Energieverbrauch insgesamt deutlich sinkt. Das heißt, dass die Gebäude energetisch saniert werden, effiziente Heiztechnik fachgerecht eingebaut und betrieben wird und die Kirchengemeinden energiebewusst heizen. „Die größten Klimaschutzpotenziale liegen zwar im Gebäudebereich“, erklärt Jürgens. 70 bis 80 Prozent der Emissionen entfallen auf diesen Bereich. „Aber auch Mobilität, Beschaffung und die Landnutzung tragen zu unseren jährlichen Emissionen bei.“

Ob Rüdiger Krämer anderen Gemeinden zu einer Windkraftanlage raten würde? „Es ist notwendig und wichtig, dass Energie aus regenerativen Quellen entsteht“, so der 73-Jährige. „Aber man sollte es auch nicht übertreiben.“

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