Thomas Hoepker stellt in Greifswald aus

Mehr als ein Blick zurück

Er gilt als einer der wichtigsten deutschen Fotografen, auch wenn er seit rund 40 Jahren in New York lebt. In der Ausstellung von Thomas Hoepker in Greifswald kann man jetzt Bilder von ihm sehen, darunter Fotos aus den 1970er-Jahren in MV.

„Boy in a village near Greifswald“ von Thomas Hoepker, 1975

von Juliane Voigt

Greifswald. Muhammad Ali und dessen rechte Faust oder das brennende World-Trade-Center – das sind zwei Beispiele für Fotos von Thomas Hoepker, die berühmt geworden sind. Seit den 1980er- Jahren lebt er bereits in New York und dort war er auch der erste deutsche Vorsitzende der legendären Fotoagentur Magnum. Trotzdem ist der 83-Jährige – nach negativem Corona-Test – zu seiner Ausstellungseröffnung nach Greifswald gekommen.

Das erste Mal war er 1974 in Greifswald. In den 1950er- und 60er-Jahren studierte Hoepker noch Archäologie und Kunstgeschichte und fotografierte seine Urlaubsreisen. Süditalien, in schwarz-weiß, Spanien, Deutschland. Zum ersten Mal stellt er jetzt diese Arbeiten aus.

Unterwegs in der DDR

Seine Fotografien aus den 1970er-Jahren der DDR dagegen sind schon veröffentlicht worden. Es gibt mehrere Bildbände, die das herausragende Lebenswerk von Thomas Hoepker dokumentieren. Die Fotografien, die er zwischen 1974 und 1976 im heutigen Mecklenburg-Vorpommern gemacht hat, sind im zweiten Teil der Ausstellung in der Galerie der Sparkasse STP am Greifswalder Markt zu sehen.

Nachdem der Kalte Krieg nämlich lauwarm wurde, erlaubten beide deutsche Staaten die Akkreditierung von Journalisten. Die erste West-Reporterin im Osten war Eva Windmöller vom „Stern“. Mit ihr unterwegs: ihr „technischer Assistent“. Nur so deklariert bekam Thomas Hoepker die Möglichkeit, sie zu begleiten. Tatsächlich war er ihr Ehemann und schon renommierter „Stern“-­Fotograf. Das Paar lebte bald auch für zwei Jahre in Ost-Berlin. Gemeinsam sahen sie sich die DDR an. Sie schrieb und recherchierte, er fotografierte. So kam Thomas Hoepker auch in den Norden.

Danke, Stasi

Hoepkers zweite Frau Christine Kruchen hat anhand der Bilddaten herausgefunden, welche Fotos wo aufgenommen wurden. Als sie vor einigen Jahren die Stasi­akte ihres Mannes einsehen konnten, hätte er gesagt: Danke, Stasi, jetzt weiß ich endlich, wo ich welches Foto gemacht habe.

Die Bilder in der Galerie der Sparkasse zeigen Dörfer und Städte, vor allem aber Menschen in ihrem Lebensumfeld. Hoepkers Fotos heben das Ungewöhnliche hervor, etwas überraschend Komisches oder Besonderes. „Wenn ich im Vorübergehen etwas sehe, was mich interessiert, dann hebe ich ganz unauffällig den Fotoapparat hoch, drücke ab und gehe weiter“, sagt Hoepker, über dessen Schulter auch heute noch immer eine Leica greifbereit ist.

Heiße Höschen im Dessous-Laden

„Die Menschen machen ja etwas anders, wenn sie wissen, dass sie fotografiert werden. Das will ich nicht. Auf einem Foto sieht man Kinder, die offensichtlich großes Vergnügen daran haben, mit einem Eimer kalten Wassers übergossen zu werden. Ein Baby im Kinderwagen mit Schnuller im Gesicht vor einer großen DDR-Flagge staunt den Betrachter an. STP-Galerist Peter Konschake identifiziert auf diesem Foto die Greifswalder Einkaufsstraße. Und hat auch bis dahin die Ausstellung ausgedehnt.
Schaufenster in der DDR fotografiert.

Der dritte Teil der Hoepker-Schau in Greifswald also. Denn Hoepker hatte offensichtlich große Freude an Schaufenstern in der DDR. Ein Dessous-Laden stellte drei heiße Höschen aus, ein paar Hüte gab’s immerhin im Hutladen, immer wieder aber: Gardine mit Parteiparole und Funktionärsfoto. Was es da wohl gegeben haben mag? Peter Konschake hat diese Fotos in sechs Läden der Innenstadt verteilt, wo sie jetzt im Schaufenster hängen und neben dem üblichen überbordenden Angebot bei den Kunden für Heiterkeit sorgen.

Auf menschliche Art bescheiden

An den Fotos von Thomas ­Hoepker lässt sich mehr ablesen als nur ein Blick zurück. Sie halten einen Moment der Vergangenheit fest, ohne dass der Fotograf die Umstände, in denen er sie aufgenommen hat, in irgendeiner Form bewertet hätte. Und sie sind auf menschliche Art bescheiden, machen sich weder lustig, noch verraten sie die latente Überheblichkeit eines Westfotografen im Osten. Sie zeigen, dass ein Menschenleben reicht, um kaum noch etwas wiederzuerkennen. In Italien ebenso wie in Mecklenburg-Vorpommern.

Info
Die 2020 eröffnete Galerie der Sparkasse STP in Greifswald liegt in der Mühlenstraße 20. Sie ist spezialisiert auf osteuropäische Kunst mit dem Schwerpunkt Fotografie. Die Galerie hat geöffnet dienstags bis freitags von 12 bis 18 Uhr, sonnabends von 11 bis 14 Uhr und nach Vereinbarung unter Telefon 03834/883 02 23.

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