In Heide findet am Reformationstag ein Poetry Slam statt

Luther und der Dichter-Wettstreit

Am Reformationstag steigt in Heide wieder ein Poetry Slam. In diesem Jahr dreht sich dort alles um das Thema „Bildung“. Im Interview erzählt Propst Andreas Crystall, was Luther wohl von einem solchen Dichterwettstreit gehalten hätte.

Bereits 2018 fand in Heide ein Poetry Slam statt

von Johanna Tyrell

Was hat Bildung mit der Reformation zu tun?
Propst Andreas Crystall: Bildung ist für die Reformation immer ein zentrales Anliegen gewesen. Martin Luther hat die Bildung aus den Klöstern und der Kirchenhierarchie herausgeholt und in die Häuser und Herzen der Menschen gebracht. Damit hat er die Menschen mündig und unabhängig gemacht, den Katechismus eingeführt und so eine Art zentrales und geniales Bildungsprogramm für das Volk geschaffen. Aus den Klöstern, und das ist ja auch ganz folgerichtig, wurden dann die ersten Schulen. Bei uns in Meldorf ist zum Beispiel aus dem Dominikanerkloster die Gelehrtenschule entstanden. Von daher war die Reformation nicht allein eine Glaubensreform, sie ist auch der Ausgangspunkt für einen modernen Bildungsbegriff. Und nicht zuletzt: Luther hat die Gewissensfreiheit propagiert: Ein freies Gewissen braucht aber ein gut gebildetes Selbstbewusstsein.

Bildung – ist das heute im Jahr 2019 ein Thema in Deutschland?
Wenn man die aktuellen gesellschaftlichen Debatten betrachtet, erscheint das Thema Bildung wichtiger denn je. Rassismus, Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit – die beste Prävention dagegen sind Wissen und Bildung. Das betrifft natürlich politische Bildung, aber auch die gesellschaftliche Bildung insgesamt. Mit dem Historischen Lernort Neulandhalle tragen wir als Kirchenkreis Dithmarschen unseren Teil dazu bei.

Was meinen Sie, wäre Martin Luther bei einem Poetry-Slam angetreten?
Gut möglich, vielleicht hätte er sogar gewonnen. Luther ist eine der sprachmächtigsten historischen Personen, die ich kenne. Er hatte eine ganz große Schöpfungskraft und hat die deutsche Sprache geformt und geprägt wie kaum ein anderer. Wie er mit Worten gerungen hat – genau das machen die Poetry-Slammer auf ihre Weise ganz bewundernswert auch. Luther hätte seine Freude an diesem Format gehabt.

Andreas Crystall, Propst im Kirchenkreis Dithmarschen Foto: Kirchenkreis Dithmarschen

Die Norddeutschen haben nun ja zum zweiten Mal am Reformationstag frei. Wie sollen sie diesen Tag begehen? Zum Poetry-Slam gehen? Den Mund aufmachen? Was sollen sie mitnehmen?
Wir empfehlen natürlich zu unserem Poetry-Slam in Heide zu gehen. Aber im Ernst: Wenn der Reformationstag nun schon gesetzlicher Feiertag ist, sollten wir ihn nicht nur zum Ausschlafen nutzen. Wir sollten miteinander ins Gespräch zu kommen – zum Beispiel darüber, wo wir heute Reformen brauchen. Solche Überlegungen kann man am allerbesten gemeinschaftlich gestalten.

Bei einem Poetry Slam gibt es Gewinner und Verlierer. Menschen beurteilen Menschen. Finden Sie das gut? Schließlich kommt es – nach Luther – nicht auf die Leistung eines Menschen an, sondern auf die Gnade Gottes.
Wir leben zwar in einer Leistungsgesellschaft und kommen an der ein oder anderen Stelle möglicherweise nicht drum herum uns zu behaupten. Aber beim Poetry-Slam spielt dieser Leistungsgedanke wirklich keine große Rolle. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jubeln sich gegenseitig zu, freuen sich an den Texten der anderen, fiebern mit und finden hinterher, dass derjenige, der gewonnen hat, es auch verdient hat. Auch wenn das ein literarischer Wettkampf ist, habe ich da bisher keinen großen Konkurrenzkämpfe erlebt. So ein Slam ist keine bierernste Sache. Am Ende gibt es da zwar immer einen Gewinner, aber es gibt keine Verlierer. Im Gegenteil: Wenn die Poeten überzeugend waren, gibt es nur Gewinner.

Das Interview führte Johanna Tyrell.

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