Wie aus Notlösungen bei Gottesdiensten in Mecklenburg-Vorpommern neue Traditionen werden

Lieber unter freiem Himmel

Viele Gemeinden feiern weiter an der frischen Luft oder bieten Andachten im Netz an. Was zunächst als Notlösung gedacht war, birgt oft überraschende Erfahrungen.

In Reimershagen wird Gottesdienst unter freiem Himmel gefeiert

von Marion Wulf-Nixdorf

Schwerin. „Wir werden weiter Gartengottesdienste feiern“, sagt der Lohmener Pastor Jonas Görlich. Was wegen der Abstands­regeln während der Corona-Pandemie aus der Not heraus begann, finden die Gemeindeglieder so toll, dass sie noch gar nicht zurück ­wollen in die Kirchen. Das Wichtigste an den Freiluft-Gottesdiensten ist, dass man draußen singen darf. Hinter Masken in den Kirchen ist es mühsam, und Gottesdienst ohne Singen – das geht gar nicht, finden viele.

Auch wenn Corona so einiges erschwert hat: In manchen Gemeinden ist der Gottesdienst­besuch gewachsen. Mal in Nachbars Garten zu sitzen und zu beten, das sei eben eine neue Erfahrung, die nicht nur die Neugier befriedige, sondern auch einen besonderen Gemeinschaftssinn stifte, meint Pastor Görlich in Lohmen. „Viele bieten ihre Gärten für Gottesdienste oder Andachten an, da kann ich doch keinen ablehnen.“

Trommel statt Orgel

Im Garten oder auch vor der Kirche steht zwar keine Orgel zur Verfügung – aber schnell ist eine lange Leitung gelegt und das Keybord gespielt wie in Uelitz zum Beispiel. Oder es werden andere Instrumente zur Liedbegleitung geholt wie vor zwei Wochen in Reimershagen: Statt Orgel gab es Gitarrenmusik von Pastor Görlich und Trommelklänge von Phillip Haertwig aus Rostock.

Mit Maske im Gottesdienst – das ist nicht jedermanns Sache Foto: Rolf Zöllner / epd

Haertwig lud danach noch zu einem Trommel-Workshop ein, und fast alle blieben: Junge und Alte, Alteingesessene und Zugereiste. „Hören und Tun in einem bewegendem Rhythmus – das schafft Verbindung und ein Lächeln in die Gesichter“, meinte Gottesdienstbesucher Kersten J. Koepcke, der die besondere Atmosphäre genoss: „Wenn ich in die südländisch scheinende Sonne blinzle und wähne, dass die ‚Kutte‘ des Pastors grau statt schwarz ist und er eine Kordel statt dem Beffchen trägt, dann liegt Reimershagen in den Abruzzen und auch der Heilige Franziskus ist nicht weit“, sagte er lachend. Pastor Görlich nutzte den Hauklotz als Sitz und die blauen Wassertonnen als Podest für die Kerzen und das Kreuz.

Einige Gemeinden wollen auch weiter Andachten verschicken oder auf Youtube kleine Filme ins Netz stellen. In Wustrow zum Beispiel haben sich Menschen, die hier einen Zweitwohnsitz haben und länger nicht kommen konnten, weiter die Andachten per E-Mail gewünscht.

Wöchentliche Andacht im Netz

Christian Meyer, Pressesprecher im Kirchenkreis Mecklenburg, findet das alles längst überfällig. „Wir leben in einer Mediengesellschaft­“, sagt er. „Und in der brauchen wir unter­schied­liche Formate, um Menschen zu erreichen.“

Neu sei auch, dass wöchentlich ein Propst oder andere leitende Mitarbeiter aus dem Sprengel Mecklenburg und Pommern Andachten im Internet einstellten. „Wir haben experimentiert“, sagt Propst Dirk Sauermann, „nun müssen wir professionalisieren.“

Immerhin: Auf die selbst produzierten Andachten im Internet bekamen die meisten Gemeinden mehr Resonanz als nach „normalen“ Gottesdiensten.

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