70. Geburtstag der Mecklenburgischen Kirchenzeitung

Laudatio auf eine Jubilarin im besten Alter

Zum Jubiläum der Kirchenzeitung blickt Chefredakteur Tilman Baier zurück und verrät, was er sich für die Zukunft der Zeitung wünscht.

Chefredakteur Tilman Baier schreibt eine Laudatio auf „seine“ Zeitung

von Tilman Baier

Schwerin. 70 Jahre ist heutzutage kein Alter, das man groß feiern muss, anders als das Dreivierteljahrhundert. Doch in unserer schnelllebigen Zeit voller Umbrüche in der Medien- wie auch in der kirchlichen Landschaft ist es schon bemerkenswert, wieviele Stürme aus den verschiedenen Himmelsrichtungen diese kleine evangelische Wochenzeitung bisher ganz gut überstanden hat. Dank dafür gilt den ehrenamtlichen Mitarbeitern in den Gemeinden für ihre Unterstützung,  einer treuen Leserschaft sowie dem Rückhalt in der verfassten Kirche.
Dass die Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung (MPKZ) in der evangelischen Kirche gut verwurzelt ist, ohne eine institutionalisierte Stimme der Kirchenleitung zu sein, teilt sie mit anderen Kirchenzeitungen. Zwar kamen in der DDR für den Staat nur die Landeskirchen als Lizenzträger in Frage. Um so wichtiger war, dass das Ideal einer freien Presse soweit wie möglich von den Landeskirchen hochgehalten wurde. Hilfreich war aber, dass die Redaktion auf die Unterstützung des Oberkirchenrats zählen konnte, wenn der Staat versuchte, Einfluss zu nehmen oder gar Zensur auszuüben.

Einspruch der Staatsorgane

Das Profil der MPKZ wurde von Anfang an durch den Bezug zur Lebenswelt der Leserschaft geprägt. Wer heute durch die Jahrgangsbände der Kirchenzeitung blättert, spürt deutlich, welchen Herausforderungen die Gemeinden im Laufe der Zeit zu bestehen hatten: Im ersten Jahrzehnt geht es um die Aufarbeitung der Kriegsfolgen, die Integration der heimkehrenden Soldaten und der „Umsiedler“ genannten Flüchtlinge und Vertriebenen. Dass sie nicht immer mit offenen Armen empfangen wurden, zeigen die Versuche der Redaktion, zur Integration zu rufen. Auch erste Anzeichen der Erosion der herkömmlichen Volkskirche spiegelt die Zeitung wider. Der Kulturkampf um die Junge Gemeinde und die Jugendweihe konnte nur vorsichtig zwischen den Zeilen publizistischen Widerhall finden.
Die wachsende Beteiligung der Laien an der kirchlichen Arbeit in den 60er-Jahren findet nicht nur inhaltlich Aufnahme ins Blatt. Chefredakteur Werner Schnoor (1963-1977) gründete ehrenamtliche Redaktionsgruppen. Sein Nachfolger Gerhard Thomas (bis 1986) baute dieses Konzept einer „Mitmachzeitung“ weiter aus: So gab es eine Gruppe Jugendlicher, die die Rubrik „Kirche-Welt-Jugend“ erarbeiteten, eine Frauenredaktionsgruppe, eine Redaktionsgruppe „Peter“ für die Kinderecke.
Ein Beirat und viele Korrespondenten aus den Gemeinden trafen sich jährlich zur Mitarbeitertagung. Sie trugen dazu bei, die Kirchenzeitung einerseits im Land zu verankern, andererseits aber auch die Themen, die unter den Nägeln brannten „von unten her“ kritisch zu bearbeiten, wie Waldsterben, Militarisierung des Alltags, atomare Aufrüstung und Meinungsgängelei in den Schulen. Das brachte Redaktion und Herausgeber auch unter dem Chefredakteur Hermann Beste (bis 1992) manchen Einspruch der Staatsorgane ein.

In die Eigenständigkeit entlassen

Mit der Wiedervereinigung verlor die Kirchenzeitung die Aufgabe, „Oppositionsblatt“ im ansonsten gleichgeschalteten Blätterwald zu sein. So verlor sie auch Leser. Doch sie wurde aus der landeskirchlichen Obhut in die Eigenständigkeit entlassen. Neue Herausforderungen bringen die heftigen Umbrüche in der Medienwelt, die weitere Säkularsierung der Gesellschaft und die Abwanderung von vielen jüngeren, interessierten Kirchenmitgliedern und damit potentiellen Lesern.
Doch die grundsätzlichen Aufgaben bleiben: Ermutigungen und Denkanstöße für das Leben als Christ hier und jetzt zu geben, die Institution Kirche in kritischer Solidarität zu begleiten, engagierten Gemeindegliedern ein Diskussionsforum zu bieten und Kirchengemeinden im weiten Bundesland und nun auch in der gemeinsamen Nordkirche zu vernetzen.
Das schönste Geburtstagsgeschenk für die Jubilarin sind auch weiterhin interessiert-kritische Leser, die sich einmischen und diese Zeitung aktiv mitgestalten.
Pastor Tilman Baier ist Chefredakteur der Mecklenburgischen und Pommerschen Kirchenzeitung.

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