Austellung KunstKlusiv

Kunst für alle Sinne

Sehbehinderten Menschen bleibt der Zugang zu Kunst oft verschlossen. Die Ausstellung „KunstKlusiv“ will das ändern und macht Kunstwerke mit allen Sinnen erlebbar.

„Familiale“ heißt die Installation von Matthias Kraus aus Holz und Kupferblech.

von Bettina Albrod

Hildesheim. Bisher gibt es kaum Kunst, die für Blinde und Sehbehinderte zugänglich ist. Das will die Hildesheimer Blindenmission, die sich seit 1897 für sehbehinderte Kinder in Südostasien engagiert, jetzt ändern: Die Ausstellung „KunstKlusiv“ zeigt vom 15. bis 26. Juni in der Hildesheimer „Rasselmania“ Kunstwerke, die man mit allen Sinnen erleben und sich dadurch erschließen kann. Die 22 ausstellenden Künstler sind entweder selbst sehbehindert oder wurden von Menschen mit Sehbehinderung bei der Arbeit begleitet.

„Blinde Menschen sollen Teil der Gesellschaft sein, dazu gehört auch die Teilhabe an Kunst und Kultur“, erklärt Pastor Andreas Chrzanowski, Leiter der Hildesheimer Blindenmission. In Deutschland gebe es zwar Überlegungen für neue Konzepte, überwiegend seien Kunstausstellungen aber nicht inklusiv. „Die Überlegungen gehen meist in die Richtung, bestehende Kunst nachträglich barrierefrei zu machen.“ Dazu gehörten Beschreibungen dessen, was sehbehinderte Besucher selber nicht erkennen können. „Diese Art von Kunst braucht immer die Vermittlung durch einen Dritten“, erläutert Chrzanowski, ein unabhängiger Zugang zur Kunst sei dadurch nicht möglich.

Kunstwerke ungefiltert erleben

„Deshalb entstand die Idee, Kunst zu schaffen, die von vornherein barrierefrei und mit allen Sinnen erfahrbar ist“, sagt Chrzanowski. Auf diese Weise könnten Menschen mit Sehbehinderung Kunst ungefiltert erleben. Der Gedanke wurde von Pastor Chrzanowski, Kuratorin Susanne Maier und weiteren Mitarbeitenden in einem eigens gegründeten Kunstausschuss weiterentwickelt, sie besuchten Museen, um sich einen Einblick zu verschaffen, und schließlich wurde das Konzept für barrierefreie Kunst deutschlandweit ausgeschrieben. „22 teils namhafte Künstler haben sich beteiligt und teils anfassbare und barrierefreie Kunstwerke für die Ausstellung zur Verfügung gestellt“, so der Theologe. „Viele der Arbeiten lassen sich über andere Sinne wie das Riechen, Fühlen oder Hören erschließen.“

Siegfried Neuenhausen nennt seine Bronzeskulpturen „Blinde Kuh“. Foto: epd/Bettina Albrod

Konrad Behr und Emilie Bardon haben beispielsweise einen Tanz als Klanginstallation entwickelt, bei dem sie die Bilder in Töne übersetzt haben. Moritz Bormann hat eine Plastik gebaut, die über eine Kurbel in Bewegung versetzt werden kann und dabei Geräusche macht. Anna Eisermann hat mit verschiedenen Materialien ein Bild „gemalt“, das man fühlen kann. Bärbel Frank bietet einen Vorhang aus Wollfäden an, die mit Düften versetzt sind – „die multisensorische Arbeit schafft also die Möglichkeit der gemeinsamen Kunstrezeption und zeigt deutlich, dass bei dieser nicht immer das Sehen als solches im Mittelpunkt der Wahrnehmung stehen muss“, beschreibt sie ihre Arbeit.

Eine völlig neue Kunsterfahrung

Gerten Goldbeck lädt zum Literaturbad: Sie hat Buchseiten zerrissen und in einer Schüssel gesammelt, und auch Seiten in Blindenschrift sind dabei. Während einer Renovierung von Britta Ischkas Badezimmer presste ein Sturm Luft durch zwei Wasserrohre, sodass unterschiedliche Töne und sogar Melodieabfolgen hörbar wurden. Daraus entstand die Installation „Singing Bathroom“. Farben hören, Wind anfassen, ein Hörspiel hören, durch einen unsichtbaren Wald spazieren oder den Homunculus von Frank Popp berühren – das alles zeigt, wie Kunst auf allen Ebenen zugänglich sein kann. Mit dabei ist auch die Arbeit von Pastor Chrzanowski, der die Geräuschkulisse Hildesheims bei einem Gang durch die Stadt aufgezeichnet hat. Alle Ausstellenden bieten den Gästen eine völlig neue Kunsterfahrung.

„Vier der Künstler sind selber sehbehindert, und wir haben sehenden Künstlern angeboten, mit einem sehbehinderten Partner zu arbeiten und umgekehrt“, erklärt Chrzanowski. „Entstanden ist eine Kunst, die man anfassen darf.“ Die Besucher werden in die Arbeiten einbezogen, dürfen fühlen, anhören, mitmachen. Auf die Bedürfnisse sehbehinderter Menschen ist auch der Katalog abgestimmt. „Den gibt es nicht als Druckerzeugnis, sondern als Website www.kunstklusiv.info, wo man sich Erklärungen vorlesen lassen kann und die Künstler Kommentare zu ihren Kunstwerken eingesprochen haben.“

Nach Hildesheim zieht die Wanderausstellung weiter nach Bayreuth, wo sie vom 3. bis 17. Juli in der Kreuzkirche gezeigt wird. Vom 31. Juli bis 21. August ist sie dann als Teil der „documenta 15“ in der Kreuzkirche in Kassel zu sehen.

Geöffnet ist die Ausstellung in Hildesheim montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, samstags von 10 bis 20 Uhr und sonntags von 10 bis 16 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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