In Stockelsdorf bei Lübeck

Konfis erkunden jüdischen Friedhof

Ein Buch porträtiert Verstorbene und ihre Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Stockelsdorf. Eine Gruppe von Konfirmanden war auf dem Friedhof und hat sich auf die Suche nach den Geschichten des Buches gemacht.

Pastorin Almuth Jürgensen erklärten ihren Konfirmanden die hebräischen Buchstaben auf dem Grabstein

von Marco Heinen

Stockelsdorf. Niemand würde an diesem Ort einen Friedhof vermuten: Mitten in Stockelsdorf bei Lübeck, kaum mehr als 100 Meter von der zentralen Durchgangsstraße entfernt und direkt neben einem großen Parkplatz, finden Suchende einen kleinen jüdischen Friedhof. Versteckt hinter Fliedersträuchern, die hier Anfang des Sommers blühen, und umgeben von Einfamilienhäusern, hat der Friedhof mit 36 Grabsteinen für 38 Verstorbene mehr als 200 Jahre überdauert. Von 1812 bis 1919 wurde er belegt, und er erzählt die Geschichte einer kleinen jüdischen Gemeinde, die unter widrigen Bedingungen für ein paar Jahre eine Heimat vor den Toren Lübecks gefunden hatte.

Wer nicht sucht, würde den Friedhof kaum finden. Selbst alteingesessene Stockelsdorfer kannten den Ort bislang nicht oder wussten zumindest nicht, was es damit auf sich hat. Natürlich mit Ausnahmen. So wie ein Ehepaar aus der Nachbarschaft, das einen Großvater auf dem Friedhof liegen hat und das mit den Konfirmanden, die kürzlich an ihrer Haustür klingelten, ins Gespräch kam.

Historisch aufgearbeitet

Die Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 14 Jahren hatten an deren Tür geläutet, weil sie für eine Buchvorstellung werben wollten. Denn vor wenigen Wochen erschien der Band „Haus der Ewigkeit – Der jüdische Friedhof Stockelsdorf“, der eine intensive historische Aufarbeitung des Friedhofs vornimmt. Doch es sei nicht darum gegangen, die Grabsteine und die Informationen bloß zu dokumentieren. „Jörg Schiessler hat die Steine fotografisch porträtiert“, sagt der Künstler René Blättermann, der mit speziellen Druckgrafiken, von denen jede einzelne eine eigene Geschichte erzählt, seinen Anteil zu dem historisch wie künstlerisch interessanten Bildband beigetragen hat.

Sieben Konfirmanden, der Künstler und seine Frau sowie Pastorin Almuth Jürgensen, ebenfalls Co-Autorin des Buches, sind beim Besuch des Friedhofs dabei. Andere der Gruppe sind auf Klassenfahrt. Der Friedhof liegt nur wenige Gehminuten vom Gemeindezentrum entfernt und die Konfirmanden waren schon oft hier. Zumal mit dem Erscheinen des Buches, zu dessen Herausgeber-Team noch Rolf Verleger, Nathanja Hüttenmeister, Harald Werner, Stefan Eick und der Fotograf Jörg Schiessler gehören, das Thema Friedhof für sie längst noch nicht abgeschlossen ist.

Geheimnisvolle Schrift

Die Jugendlichen, die zum Beispiel die Grabsteine und die Flächen drum herum gereinigt hatten, beschäftigen sich weiter damit und sollen an diesem Tag einzelne der insgesamt 22 hebräischen Buchstaben des „Alefbeths“ unter die Lupe nehmen und abzeichnen. Es ist der Versuch, den jungen Leuten die geheimnisvolle Schrift näher zu bringen und so ein Interesse an der Entschlüsselung zu wecken.

Die Konfirmanden sind bereit, sich einzulassen. Die meisten jedenfalls. Die Jungs, die an diesem Tag mit auf den Friedhof gekommen sind, tragen eine Kippa, wie es für Männer beim Betreten eines jüdischen Friedhofs üblich ist. Nur einer tut sich schwer mit dieser sonderbaren Kopfbedeckung und zieht lieber noch seinen Kapuzenpulli zusätzlich über den Kopf.

Natürlich ist ein Friedhof für Jugendliche nicht das, was man einen Kracher nennt, aber ein paar haben sich vom Forschergeist schon anstecken lassen, Jannick (13) zum Beispiel: „Wir haben einen Grabstein gefunden, der unter der Erde verbuddelt war“, erzählt er. Gemeint sind einige Teilstücke eines Grabsteins, die irgendwann wieder den stehengebliebenen Teil ergänzen sollen.

„Eigentlich ganz cool“

Auch Lisa (13) findet den Friedhof nicht unspannend: „Es ist definitiv mal etwas anderes.“ Sie sei vorher nur auf üblichen, städtischen oder christlichen Friedhöfen gewesen, aber hier sähen die Grabsteine „total anders“ aus, so Lisa.

„Die Jugendlichen haben zu einzelnen Grabsteinen die Brocken an Biografien gelesen, die wir versucht haben, über Volkszählungen und andere Quellen aus dem 19. Jahrhundert zusammenzutragen“, erläutert Pastorin Jürgensen. Einiges gab es da schon zu entdecken, wie das Schicksal eines jungen Mannes, der, so verrät sein Grabstein, an einem gebrochenen Schädel starb. „Das ist ungewöhnlich. Erklärungen wie diese gehen einem sehr zu Herzen“, so die Pastorin, die selbst über sehr gute Hebräisch-Kenntnisse verfügt und die Jugendlichen gern neugierig machen möchte. Bei einigen scheint das gelungen zu sein. „Die Schrift finde ich eigentlich ganz cool“, meint Jannick, kurz bevor es zurück zum Gemeindezentrum geht.

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