Kompass im Leben

Zum Volkstrauertag macht sich Johannes Pilgrim Gedanken. Er ist Gemeinde- und Religionspädagoge i.R. in Stralsund.

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: „… So blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat …“ aus Hiob 14, 6

Sonntag ist Volkstrauertag. Ich denke daran, dass es ein Geschenk ist, leben und auch trauern zu können – so kurios­ es klingen mag. Was wäre, wenn dazu nicht Zeit und Kraft wäre?

Manchmal scheint im Leben das Gute und Schöne gänzlich zu fehlen, abwesend zu sein. Manchmal sind Spaß und Lust für lange Zeit vorbei, Kraft und Kreativität verloren, Lachen und Leichtigkeit verschwunden – auch Genesung oder gar Gesundheit stellen sich nicht ein.

Was bleibt? Wie ist Leben dann möglich? Wo bleibt der Kompass im Leben, wenn es 100 Hiobsbotschaften hagelt?

Millionen Menschen haben es schon so empfunden: dass das Gute manchmal abwesend ist. Juden und Christen, Skeptiker und Agnostiker. In Kriegen und Katastrophen, Tyrannei und Terror. Immer dann stehen die wohl brennendsten Fragen der Menschheit im Raum: Ist das gerecht? Warum geschieht das? Wofür? Und ist da niemand, der mir hilft? Andauernde Krankheits- und Todesfälle gerade in meiner Familie; das Gemetzel gerade hier, die Überflutung, die gerade mein Haus wegriss…

Und was, wenn für das überwältigende Leid kein Mensch, kein Arzt, keine Politik haftbar gemacht werden kann, keiner anzuklagen ist? Wohin wende ich mich?

Dann beginnt mit voller Wucht die Suche nach Rettung oder nach Rache. Nach Gerechtigkeit oder Gericht. Immer wieder haben Menschen sich in solchen Situationen abgekehrt, abgewendet von dem großen „Du“ Gottes. In komfortablen Zeiten sprechen wir vermutlich zu viel ÜBER Gott und zu wenig MIT ihm. Was hilft mir dann ein „Du“, das mich nicht aus dem Leid holt?

Hiob spricht weiter mit Gott, mit ihr, der großen Unbekannten, die sich scheinbar oder offensichtlich nicht kümmert. Hiob, der nicht einmal Hebräer ist, bleibt bei seinem Kompass! Er bleibt, während viele gehen. Er bleibt so sehr, dass er Gott auffordert: Wenn es so schlimm um mich steht, während Du bei mir bist, so wende Dich doch endlich ab von mir, damit ich leben und sterben kann.

Wenn zum Volkstrauertag, am Ende eines Kirchenjahres, zum Ewigkeitssonntag, Zeit zu leben, zu lieben, zu lachen und zu trauern ist, dann wird Gelegenheit sein, über Gott zu sprechen… und MIT ihm, damit der Kompass bleibt.

Unser Autor
Johannes Pilgrim ist Gemeinde- und Religionspädagoge i.R. in Stralsund.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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