Ausländische Gemeinden finden in Hamburg keine Unterkunft

Kirche verzweifelt gesucht

Wo Gottesdienst feiern? Vor dieser Frage stehen viele ausländische Gemeinden in Hamburg. Besonders in der Pandemie finden sie keine Räume. So geht es auch Priester Ioann Sukhoniak.

Priester Ioann Sukhoniak sucht für seine Gemeinde einen Ort, um sonntags Gottesdienst zu feiern

von Johanna Tyrell

Hamburg. Eigentlich steht Priester Ioann Sukhoniak jeden Sonntag um 10 Uhr vor seiner Gemeinde und feiert mit ihr Gottesdienst. Eigentlich. Denn seit vier Jahren müssen der 32-Jährige und seine 40 Gemeindemitglieder bereits am Samstag feiern. Priester Ioann Sukhoniak leitet die ukrainisch-orthodoxe Gemeinde in Hamburg. „Im Moment haben wir ein Obdach bei unseren Schwestern und Brüdern in der serbischen Kirche gefunden“, erklärt Sukhoniak.

Das soll sich nun ändern. Die junge ukrainische Gemeinde sucht einen Ort, an dem sie sonntags Gottesdienste feiern und Bibelkurse für Kinder und Erwachsene veranstalten kann – idealerweise eine kleine Kirche im Raum Wandsbek­.

Keine Spenden mehr

So wie der ukrainisch-orthodoxen Gemeinde geht es vielen kleinen Gemeinden in Hamburg. „Bei mir sammeln sich derzeit viel mehr Anfragen von internationalen Gemeinden, als wir vermitteln können“, sagt Annette Reimers-Avenarius, Ökumenebeauftragte der Nordkirche und Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Hamburg (ACK). Besonders die Corona-Pandemie hätte die Situation noch verschärft. „Viele der kleinen Gemeinden leben von Spenden“, erklärt sie. Wenn diese sich nun aber nicht mehr zum Gottesdienst versammeln dürften, könnten sie auch keine Spenden mehr generieren.

Die ukrainisch-orthodoxe Gemeinde sucht eine Unterkunft Foto: Privat

Deutschlandweit gibt es 2000 bis 3000 internationale Gemeinden. Nach Berlin ist die kirchliche Landschaft in Hamburg am buntesten. Mit 60 bis 70 von ihnen hat der ACK Kontakt. Reimers-Avenarius geht aber von einer deutlich höheren Zahl in der Hansestadt aus.

Wie ernst die Lage ist, beschreibt auch Pastor Prince Ossai Okeke. Er ist Referent für die Zusammenarbeit der Nordkirche mit internationalen Gemeinden. „Die ersten Gemeinden haben schon dichtgemacht“, sagt er. Zwar hätte die Nordkirche einen Corona-Fonds geschaffen, mit dem kleine Gemeinden unterstützt werden und der inzwischen bereits zum dritten Mal ausgeschüttet wird, doch es sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein, so Okeke.

Geduld gefragt

„Viele kleine Gemeinden feiern ihre Gottesdienste in teuren Lagerräumen in Industriegebieten und können die Miete nicht mehr zahlen“, sagt er. Dabei sei die Gemeinschaft gerade jetzt besonders wichtig. „Das Gemeindeleben in den internationalen Gemeinden besteht aus viel mehr als dem spirituellen Aspekt“, erklärt er. Sie sind Treffpunkt, Informations- oder Jobbörse, Erziehungsberatungsstelle. „Die deutschen Gemeinden decken einfach nicht alles für die Hamburger Christen ab.“

Die traditionellen Ortsgemeinden könnten in der aktuellen Lage nur schwer helfen, räumt Okeke ein. Wenn deutsche Gemeinden keine Gottesdienste feiern dürfen, könnten sie schwerlich Räume zum Feiern an kleine Gemeinden vermieten. „Wenn die Krise vorbei ist, freuen sich kleine Gemeinden aber über offene Arme der deutschen Gemeinden“, so Okeke. „Und über Geduld, wenn es mal ein bisschen lauter und bunter zugeht“, fügt er hinzu. Denn „Kultur spielt eine große Rolle“, sagt Okeke.

Gutes Miteinander

So auch im Fall der ukrainisch-orthodoxen Gemeinde. „Viele Ukrainer gehen auch in die russisch-orthodoxe Gemeinde“, erklärt Gemeindemitglied Iakhnii. Wie mit allen anderen slawischen orthodoxen Gemeinden herrsche da ein gutes Miteinander. „Aber nicht alle Ukrainer können Russisch“, sagt er. Und schließlich sei die Ukraine auch ein politisch eigenständiges Land, das solle sich auch in der Kirche widerspiegeln.

Die orthodoxen Kirchen stellen mittlerweile die drittgrößte Kirchenfamilie im Norden. Zu den am stärksten wachsenden Gemeinden zählen die rumänisch- und die bulgarisch-orthodoxen Gemeinden. Aber auch die Griechisch-, Russisch- und Serbisch-Orthodoxen feiern im Norden regelmäßig Gottesdienste.

Info
Wer der Gemeinde helfen möchte, kann eine E-Mail schreiben an priester.ioann@gmail.com.

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