Das Beispiel Hamburg

Kirche und Weihnachtsmarkt – passt das?

Weihnachtsmärkte finden oft dort statt, wo Kirchen stehen. Für die Gemeinden bedeutet das Chance und Risiko zugleich. Ein Streifzug durch Hamburg.

Einen Punsch vor der Kirche sollte man erst nach dem Totensonntag genießen

von Catharina Volkert

Altstadt/Bergedorf/Geesthacht. Helga Wendt stört der Glühweingeruch. Jedes Mal, wenn die Ehrenamtliche in diesen Tagen die St.-Petri-Kirche in der Hamburger Innenstadt betritt, muss sie an einem Glühweinstand unmittelbar neben den Stufen zur Kirchentür vorbei. „Manchmal geht man durch einen richtigen Alkoholnebel“, sagt Wendt, die seit mehr als zehn Jahren im St.-Petri-Shop arbeitet. Was im Advent rund um ihre Kirche herum passiert, gefällt ihr nicht. Da reihen sich Buden und Stände aneinander: Der Kirchenvorplatz wird zur Fressmeile.
Rolf-Dieter Seemann, Pastor an St. Petri, bleibt angesichts der Menschenmengen vor der Kirche gelassen. „Ich kann damit leben“, sagt er. Denn der Weihnachtsmarkt bringt die Menschen auch in die Kirche – am Wochenende bis zu 7000 Besucher. Der Pastor sieht die Marktbesucher als Chance und setzt auf christliche Akzente: Regelmäßiges Adventsliedersingen, tägliche Andachten des „Anderen Advents“ oder der Lichterbaum laden die Menschen zum Innehalten ein. So profitiert auch die Kirche von dem Trubel. „Ich bitte um Spenden – und da kommt einiges zusammen. Wir wären verlogen, wenn wir uns als Gegenspieler des Kommerz’ sehen würden“, sagt Seemann.

Mit Bratwurst in die Kirche? Bitte nicht!

Es gibt aber Grenzen: Weihnachtsmarktbesucher, die mit Schmalzkuchen oder Bratwurst in der Kirche Platz nehmen wollen, spricht die ehrenamtliche Küsterin Lydia Mandella an. „Manche Leute reagieren verärgert, wenn wir sie bitten, draußen zu essen“, sagt sie. Dass auch mal Menschen dabei sind, die schon etwas zu viel Zeit am Glühweinstand verbracht haben, bringt sie nicht aus der Ruhe.
Auch in Bergedorf steht die Kirche mitten auf dem Weihnachtsmarkt – beziehungsweise dahinter. Direkt neben St. Petri und Pauli ist ein Kinderkarussell aufgebaut – und eine Pommesbude. Genau die wird zum Problem: Immer wieder müssen ehrenamtliche Kirchenwächter, Küster und Pastoren darum bitten, die Pommes nicht in der Kirche zu essen. An dem vorweihnachtlichen Treiben vor seiner Kirche stört sich Pastor Andreas Baldenius trotzdem nicht: „Wir verstehen uns als Teil des Weihnachtsmarktes“, sagt er. Die alte Dorfkirche ist in der Adventszeit länger geöffnet als sonst. Auch hier finden regelmäßig Andachten des „Bergedorfer Advents“ statt. Wie die Hauptkirche St. Petri verdient die Gemeinde in Bergedorf am Weihnachtsmarkt. Sie vermietet Flächen an die Betreiber des Marktes vermietet.

Eimsbüttel – „leiser und gemütlicher“

In Eimsbüttel ist die Zusammenarbeit zwischen Kirchengemeinde und Weihnachtsmarkt Programm: Dort haben sich die Martkbetreiber direkt an die Pastorenschaft der Apostelkirche gewandt, um die Gemeinde einzubeziehen. Die Kirchentüren sind für Angebote wie Zeiten der Stille geöffnet, für Kinder gibt es Vorlesestunden. Der Weihnachtsmarkt in Eimsbüttel sei „ohnehin viel leiser und gemütlicher“ als der im Zentrum der Innenstadt, meint Pastor Michael Babiel.
Einige Gemeinden organisieren den Markt um ihre Kirche selbst – so wie in Geesthacht. Damit hat sich Pastorin Birgit Penning vor acht Jahren einen Traum erfüllt. „Ich habe mich in der Hamburger Innenstadt so aufgeregt, wie dort eine Bude neben der anderen stand und es nichts Besinnliches gab“, so Penning.
Deswegen plante sie einen Markt, der keine kommerziellen Interessen verfolgt. Heute ist der Weihnachtsmarkt der Evangelisch-Lutherischen-Kirchengemeinde am ersten Adventswochenende Tradition. Rund um die St.-Salvatoris-Kirche werden besondere Waren angeboten: Kerzen des Jugendaufbauwerks, handgemachte Seifen, Engel aus Treibholz. Die Konfirmanden backen Waffeln, Jugendliche verkaufen Flammkuchen, Kirchengemeinderatsmitglieder und andere Ehrenamtliche schenken Glühwein aus.
Auf dem Markt rund um die kleine Backsteinkirche steht die christliche Botschaft im Mittelpunkt. Mit Gottesdiensten, Konzerten, Lesungen und Zeiten der Stille erinnert die Gemeinde an die Bedeutung der Adventszeit. Die Märkte in der Hamburger Innenstadt sieht St.-Petri-Pastor Seemann hingegen als Zeichen für einen Bedeutungsverlust: „Ich muss mich damit abfinden, dass die Adventszeit nicht mehr als Zeit der Erwartung, des Wartens, oder gar als Fastenzeit wahrgenommen wird“, sagt er. „Das ist doch typisch für unsere Zeit – die Menschen möchten alles, und das sofort.“
Dass viele Menschen auf der Suche nach etwas anderem sind, zeigt das Beispiel Geesthacht. Pastorin Penning hört es oft: „Hier ist es aber schön und besinnlich. Hier ist der echte Weihnachtsmarkt.“

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