Lebenskundlicher Unterricht für Soldaten

Kein leichter Weg

Lebenskundlicher Unterricht – das ist Ethik-Unterricht für Soldaten. Unterrichtende sind die Militärpfarrer. In der Regel findet der Unterricht in den Kasernen statt. Doch bei manchen Themen bietet sich auch eine Exkursion an.

Lebenskundlicher Unterricht vor Ort: Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit

von Jens Pröve

Bremen. Nicht weit vor den Toren der Lucius-D.-Clay-Kaserne in Osterholz-Scharmbeck steht ein unübersehbares Zeugnis für ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte: der sogenannte Bunker Valentin. Hier plante die Kriegsmarine, in den Jahren 1943 bis 1945 eine gigantische Werft hinter meterdicken Betonmauern zu bauen. Im Fließbandverfahren sollten hier U-Boote des neuen Typs XXI montiert werden.

Der Bunker wurde nie fertig gestellt, kein U-Boot verließ jemals die Anlage. Doch in nur 23 Monaten entstand bis April 1945 ein bis heute unübersehbares Bauwerk. Möglich wurde dieser schnelle Baufortschritt durch den Einsatz von bis zu 10 000 Zwangsarbeitern, untergebracht in einem Außenlager des KZ Neuengamme. Bezahlt wurde der Bau mit dem Leid dieser Zwangsarbeiter und dem Tod von vermutlich etwa 1600 Menschen.

Dieses Leid und die dahinterstehende unmenschliche Weltanschauung sollen nicht in Vergessenheit geraten. Deshalb gibt es den „Denkort Bunker Valentin“, eine Forschungs- und Gedenkstätte in Trägerschaft der Bremischen Landeszentrale für politische Bildung.

Mehr als ein Besuch im Museum

Auch der Lebenskundliche Unterricht der Militärseelsorge widmet sich dieser Vergangenheit. Immer wieder suchen die Soldaten dabei den Denkort auf. Das ist mehr als ein einfacher Museumsbesuch. Denn der Unterricht beginnt in der Kaserne mit einer historischen Einführung. Anschließend erarbeiten die Soldaten in Kleingruppen die Schicksale und Biographien von Zwangsarbeitern einerseits und Verantwortlichen andererseits. Vor Ort stellen sie diese Lebensläufe den übrigen Teilnehmern vor. Oft sind das bewegende Momente.

Zum Beispiel, wenn vom Schicksal des jungen Franzosen Raymond Portefaix die Rede ist, der mit nur 18 Jahren aus seinem Heimatdorf deportiert wird. Immer wieder wird der junge Zwangsarbeiter misshandelt. Nur mit Glück überlebt er die über alle Kräfte gehende Zwangsarbeit und den Hunger. Die Betonmischmaschinen beschreibt er als „Menschenfresser“, weil die Lebenserwartung der dort eingesetzten Zwangsarbeiter so gering ist.

Nachdenklich werden viele Teilnehmer auch, wenn der Umgang der Bevölkerung mit den Zwangsarbeitern in den Blick kommt: Tag für Tag sind die Häftlingskolonnen durch das Dorf gezogen. Die einen haben sie mit Steinen beworfen, andere ihnen ein Brot zugesteckt.

Gegenwart ganz nah

Der Unterricht stellt die Frage, wie es möglich geworden ist, dass das gesellschaftliche Klima damals ganze Bevölkerungsgruppen stigmatisierte und ausgrenzte.

An dieser Stelle des Unterrichtes kommt dann die Gegenwart ganz nah, wenn auch heute wieder Flüchtlinge oder jüdische Mitbürger ausgegrenzt werden und der Schritt zur Verfolgung nicht mehr weit zu sein scheint. Deshalb wagt der Unterricht auch den Brückenschlag in die heutige Zeit. Die Soldaten stellen sich die Frage, was Zivilcourage und bürgerschaftliches Element heute von ihnen fordern.

Lebenskundlicher Unterricht – das ist mehr als ein Pflichttermin im Stundenplan an der Logistikschule der Bundeswehr. Denn ethische Bildung am Beispiel des Bunkers Valentin ist kein leichter Weg in die deutsche Geschichte, aber ein lohnender.

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