Mit dem Rad von Niebüll nach Rostock

Kein Geld, aber viel Optimismus

Wie weit kommt man ohne einen Cent? Diese Frage haben sich fünf junge Menschen gestellt und ein Experiment gewagt. Von Niebüll in Nordfriesland sind sie mit dem Fahrrad Richtung Südosten aufgebrochen. Im Gepäck Schlafsäcke, Notfallessen und viel Optimismus.

Anna Lena Ihme, Lona Jessen, Clara Brandt, Boi Nielsen und Lewe Clasen (v.l.) fuhren mit dem Rad von Niebüll nach Rostock ohne einen Cent im Gepäck.

von Kristina Tesch

Niebüll/Rostock. Mit roten T-Shirts ging es für die kleine Gruppe in Niebüll auf die Räder. Das Ziel: In sieben Tagen ohne Geld so weit wie möglich durch die Nordkirche kommen. „Wir organisieren uns unterwegs mit Freundlichkeit, Kreativität und Spontanität alles, was wir brauchen. Das war der Plan“, erzählt Anna Lena Ihme vom Evangelischen Kinder- und Jugendbüro. Eine grobe Route war angedacht, der Rest versprach ein Abenteuer zu werden.

Gleich am ersten Tag hatten die fünf Glück

In der Kirchengemeinde Eggebek gab es Erntedankdekoration für das Abendessen und einen Schlafplatz im Gemeindehaus. In Schleswig seien sie auf dem Wochenmarkt fündig geworden, erzählt Lewe Clasen, „Eier gab es mehrfach und Blumenkohl, Salat und Tomaten“. „Und so viele Äpfel, dass wir erstmal Apfelmus gekocht haben“, ergänzt Lona Jessen.

Dass es so einfach sein würde, an gutes und gesundes Essen zu kommen, hatte Clara Brandt nicht erwartet. „Ich dachte, wir müssen uns viel mehr von Tütensuppe ernähren“, sagt die 19-Jährige, denn ein bisschen Notfall­essen hatte jeder im Gepäck. Aber auf dem Koppelsberg in Plön wartete ein Frühstücksbuffett und gegen den Mittagshunger spendierte sogar eine große Fastfoodkette drei Tüten Pommes Frites.

Offenheit der Menschen überraschte die Gruppe

„Die Freundlichkeit und die Offenheit der Menschen hat mich überrascht“, sagt Gruppenleiterin Anna Lena Ihme. Viele hätten Geschichten aus ihrer Jugend erzählt und von Touren berichtet, die sie selbst gemacht haben. Sich die Zeit für diese Gespräche zu nehmen und mit fremden Menschen in so engen Kontakt zu kommen, sei schön gewesen, sagt Clara Brandt. „Und zu hören, welche Tipps sie für uns haben“.

Dass fremde Menschen sogar ihre Haustüren öffnen, damit hatte keiner in der Gruppe gerechnet, als eine Lübecker Familie sie zum Couchsurfing einlud. „Dass es viele Menschen gibt, die fremde Leute bei sich schlafen lassen und sie dann auch noch versorgen“, war für die 15-Jährigen etwas Neues. Und Boi Nielsen würde genau das jetzt auch machen, falls bei ihm in Nordfriesland jemand während einer Radtour klingelt.

Gartenarbeit als Lohn für das Rückfahrtticket

Für das Rückfahrtticket von Rostock nach Niebüll mit der Bahn haben die fünf sich dann nochmal richtig ins Zeug gelegt. In der Kirchengemeinde Grevesmühlen haben sie bei der anstehenden Gartenarbeit geholfen und sich den Heimweg erarbeitet.

Bei dem Experiment „Ohne Geld durch die Nordkirche“ sei es darum gegangen, die Überflussgesellschaft zu hinterfragen, sich mit Nachhaltigkeit und Nächstenliebe zu beschäftigen, und sich die Frage zu stellen, was wir wirklich brauchen, so Anna Lena Ihme. Für Clara Brandt steht fest, dass es „deutlich weniger ist, als ich dachte“. Das Fazit nach rund 350 Kilometern in Rostock zieht Anna Lena Ihme: „Danke an all die lieben Menschen, die uns Essen, eine Unterkunft oder eine Spende gegeben haben – das war Nächstenliebe, die wir direkt spüren konnten.“

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