Seltene Wandmalereien

Kanzlerin Merkel zu Besuch in der Dorfkirche von Behrenhoff

Hoher Besuch in einem kleinen Dorf: Bundeskanzlerin Merkel hat die Kirche von Behrenhoff bei Gützkow besucht, die von der Stiftung Denkmalschutz gefördert wird. Für die Kanzlerin standen „Höllenqualen“ auf dem Programm.

Kanzlerin Merkel begutachtet die Wandmalereien, während die Kinder ein Ständchen singen

von Christine Senkbeil

Behrenhoff. „Wir sind in der Hölle Vorpommerns“, sagt Pastor Joachim Jeromin zu Angela Merkel und zwinkert ihr schelmisch zu. Der Blick der Bundeskanzlerin folgt seinem Finger zu den Wandmalereien in seiner Kirche: dem Schlund des Riesentieres, der die Schar der Sünder aufzusaugen scheint, und zum Höllentor, vor dem König, Mönch wie Bischof harren. Die wirklich außergewöhnlichen Malereien namens "Höllenqualen" in der abseits gelegenen Dorfkirche wecken das Interesse der Besucherin. „Es ist wirklich gefährlich“, ergänzt der Greifswalder Bischof Hans-Jürgen Abromeit scherzhaft: „Auch Bischof und König werden da verschlungen.“ Merkel zeigt sich schlagfertig: „Wir müssen uns eben alle anstrengen,“ sagt sie.
Die kleine Kirche in Behrenhoff ist gut gefüllt, viele warten draußen – und das, obwohl Pastor Jeromin nicht so viel Reklame für den Besuch der Kanzlerin gemacht hat. Denn so ein Politiker-Terminkalender ändert sich schnell: Schon für 2015 war ein Einsatz für sie in der Feuerwehr von Behrenhoff geplant. Wegen eines Sondergipfels zur Flüchtlingsproblematik kam sie dann doch nicht. Dass sie beim Ersatz-Termin auch die Kirche ansehen würde, freut Jeromin. „So hat man mal die Gelegenheit zu zeigen, dass eine Kirche mitten im Dorf steht und auch mitten in das Dorfleben hineingehört“, sagt der Pastor für den Gützkower Kirchsprengel.

Merkel lobt das wachsende Dorf

Den Aspekt ‚Kirche als Ort des Lebens‘ betont er auch, als er mit dem hohen Besuch um den Kirchenbau herum schreitet, dicht gefolgt von Merkels Bodyguards, den Kamerateams, Lokaljournalisten und Schaulustigen. Jeromin zeigt der Kanzlerin, wo der Anbau eines Gemeindehauses geplant ist. Eine Art neue Ortsmitte soll es bilden, von Kirchen- und Ortsgemeinde gemeinsam genutzt.
Angela Merkel wirkt informiert. Sie lobt, dass Behrenhoff ein wachsendes Dorf ist, hat sich belesen über die Kirche. Im Vorfeld hatte der Pastor eine ganze Power-Point-Präsentation über Gemeinde, Kirchenbau und die Sanierung nach Berlin geschickt, die seit 2014 läuft. Doch für Merkel als Besucherin war dieser Termin natürlich einer von vielen, allein an diesem Tag. Schulen, Kirche, Feuerwehr – sie müht sich redlich, den jeweiligen Gesprächspartnern immer wieder gleiches Interesse entgegenzubringen.

Keine Millionen in der Tasche

Schöne Abwechslung bieten da die Christenlehrekinder in der Kirche. „Es ist gut, einen Freund zu haben“, singen sie und tanzen dazu fröhlich. Frisch begleitet von Patrick Uhlig, der hier seit November 2015 als Kirchenmusiker angestellt ist.
Falsche Erwartungen weckt die Bundeskanzlerin jedoch nicht. „Millionen habe ich nicht in der Tasche, das sage ich gleich“, hatte sie schon beim Aussteigen vorausgeschickt.
„Aber das haben wir auch nicht erwartet“, sagt Pastor Jeromin nach dem Besuch. Natürlich wäre er froh über eine Bundesförderung für das Projekt Gemeindeanbau. Und auch in der Kirche ist bei der Beseitigung der Feuchtigkeit ja noch einiges zu tun. „Meeresbiologen hätten hier viel zu forschen“, hatte er der Kanzlerin im Innenraum mit Blick auf die algenbesetzten Wände erklärt. „Doch ich wollte ihr zeigen, was schon geschehen ist und was noch nötig ist – und das ist gelungen!“

Früher Dorfkirche, heute Kunstobjekt

Einen kleinen Merk-Effekt für Merkel dürfte auch das Geschenk der Kirchengemeinde hinterlassen haben. Bei der Übergabe irritiert es sie anfangs: „Ich gebe Ihnen einen Korb und verblühte Blumen“, sagt Jeromin lachend. Doch immerhin hängen an den Blumen die Zwiebeln von Märzbecher, Anemonen und Veilchen – ausgegraben im Lenné-Park Behrenhoff, der direkt an den Kirchhof grenzt. „Auf diese Blumen hat schon Dietrich Bonhoeffer geschaut“, erläutert der Pastor. Der bedeutende Theologe, der später von den Nazis ermordet wird, war hier im Schloss der Familie von Behr zu Gast, so Jeromin. „Hier hielt er Veranstaltungen ab.“ Mechthild Gräfin von Behr war nämlich auch gegen die Nationalsozialisten eingestellt und gab ab 1936/37 der Bekennenden Kirche Quartier auf dem Gut. In den sogenannten Freizeiten fanden Bibelstudien und Vorträge statt. Das Schloss überlebte nicht, es verbrannte am 8. Mai 1945.„Nun werden diese Zwiebeln einen Platz in meinem Privatgarten finden“, verspricht Frau Merkel.
Allein der Umstand, dass die Regierungs-Chefin diese kleine Kirche schätzt – schon das sei eine wichtige Erfahrung für die Anwohner, meint der Pastor. „Auch für diejenigen, die denken: ‚Das hätten sie doch abschließen können, was soll das noch?‘“ Mit der Kirche wächst auch die Identifikation der Gemeinde mit ihrer Kirche, davon ist Jeromin überzeugt.
Schon die Förderung von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die für den Erhalt der seltenen Malereien ausgegeben wurde, hätte Eindruck gemacht. „Vorher war das hier NUR als Dorfkirche wahrgenommen. Jetzt ist sie sozusagen ein bundesweit geschätztes Kunstobjekt“, sagt Jeromin. Wobei der Kirchenbau nur die Hülle sei. Um für den Inhalt zu sorgen, komme er als Pastor ins Spiel – und natürlich der Heilige Geist. „Gemeinsam müssen wir freundlich werbend Leben in diese Hülle bringen, für die sich so viele interessieren. Dann steckt da Geist und Segen drin.“

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