Zum Karfreitag

Käßmann: Gott ist an der Seite derer, die nicht weiterwissen

Für Menschen sei es schwer zu begreifen, dass auch Gott Leid und Ohnmacht kenne, sagt die ehemalische hannoversche Landesbischöfin mit Blick auf Karfreitag. Es gebe kein leidfreies Leben.

Margot Käßmann

Hannover. Nach Ansicht der Theologin Margot Käßmann sollten Menschen nicht erwarten, dass Gott sie vor Leid bewahrt. Sie könnten aber gerade auch in der Zeit der Pandemie darauf vertrauen, dass Gott sie im Leid begleite, sagte Käßmann im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit Blick auf den Karfreitag. Jeder Mensch erlebe Tod, Krankheit, Unfälle, Verzweiflung, Ängste oder Depressionen. Aber das seien keine Strafen, die von Gott geschickt würden. „Gott schickt keine Pandemie und auch keinen Tsunami. Ich denke, Gott ist an der Seite der Menschen, die nicht weiterwissen, die Kraft suchen und, ja, die Existenzängste haben. Gott begleitet diese Menschen gerade jetzt.“

Für Menschen sei es schwer zu begreifen, dass auch Gott, der nach christlicher Überlieferung seinen Sohn am Kreuz sterben sah, Leid und Ohnmacht kenne. Das werde den Menschen in der Passionszeit und gerade am Karfreitag vor Augen gestellt, sagte die ehemalige hannoversche Landesbischöfin und frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Auch Eltern wollten ihre Kinder vor allem schützen, könnten es aber nicht. „Und mit diesem Schmerz müssen wir leben. Es gibt kein leidfreies Leben. Und auch wenn du glaubst, heißt das nicht, dass du ohne Leid durch diese Welt kommst. Das Leben ist sehr verletzlich.“

Thema Tod wird verdrängt

Käßmann kritisierte, dass die heutige Gesellschaft, die auf Jugend, Sportlichkeit und Erlebnishunger programmiert sei, die Themen Tod und Leid an den Rand dränge. „Sie will sich keine Zeit mehr dafür nehmen, Sterbende zu begleiten, der Trauer Zeit zu geben. Und das ist schon ein trauriges Signal.“

Sie verstehe aber Menschen, die darum beteten, dass ihnen Leid erspart bleibe, betonte die Theologin. „Ich bete auch, dass die Menschen, die ich liebe, beschützt sind.“ Sogar Atheisten beteten in der Not zu Gott. „Aber wir leben in einer Welt, die wir als Christen unerlöst nennen, in der eben nicht alle Tränen abgewischt sind.“ Die Hoffnung sei, „dass es eines Tages bei Gott in einer anderen Welt Not, Leid und Geschrei und auch den Tod nicht mehr geben wird“.

Ohne Sinn

Leid ist nach Käßmanns Verständnis aber ohne Sinn. „Ich möchte keinen Sinn in ein Leid hineininterpretieren.“ Sie habe erlebt, dass gepredigt werde: „Wenn du genug betest, wirst du gesund, reich, ein glücklicher Mensch. Das finde ich zynisch.“ (epd)

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