„Jugendcentrum Abstellgleis“ in Anklam

Junges Leben an stillen Gleisen

Im alten Bahnhof von Anklam kommen junge Leute und Flüchtlinge im „Jugendcentrum Abstellgleis“ zusammen. Doch der Name ist nicht Programm.

„Hatschiater“ heißt die Theatergruppe, die hier mit Anna Rjabof und Gunnar Fasold im Demokratiebahnhof probt

von Christine Senkbeil

Anklam. Es ist ein selbstverwaltetes Jugendzentrum, das hinter den Papptüren Betrieb macht: der „Demokratiebahnhof“. Leerstehende Räume wurden von Pfadfindern und Stadtjugendring zu einem knallbunt angestrichenen Labyrinth verbunden. Um den Tischkicker kämpfen ein paar Flüchtlinge aus dem benachbarten Heim um Tore – und gegen ihre Langeweile. Auf zusammengewürfelten Sitzmöbeln hocken andere, spielen Bongo, reden oder schauen einfach nur hinaus auf die Gleise. In der Küche beim Tee beraten die Organisatoren: junge Greifswalder und Anklamer. „Jugendcentrum Abstellgleis“, nennen sie, was sie hier bauen: einen Treff für Anklamer Jugendliche.
„Genau in diesen Räumen starten wir unser Theaterprojekt“, sagt Jan Holten – Theaterpädagoge, Kulturakteur und Bühnenmensch. Das Kreisdiakonische Werk Greifswald-Ostvorpommern unterstützt das Projekt. In Wolgast entsteht eine zweite Gruppe. An seiner Seite: Anna Rjabof und Nikolaus Roos, alte Studententheater-Kollegen vom „Stuthe“, die ebenfalls als Theaterpädagogen arbeiten. „Paulina Peene“ sind sie zusammen.

Im Frühjahr geht’s auf die Bühne

Die Kinder, die sie in den Schulen der Umgebung angeworben hatten, trudeln so langsam ein. Zwischen  neun und 17 sind sie alt. „Ich hab Kekse für die Kuchenrunde mit“, verkündet Aileen (10) gut gelaunt und schnappt sich einen Schraubenschlüssel. Wie an jedem Freitag wird zuerst die Mini-Bühne aufgebaut. Die Bodenfläche bilden zwei Baumarkt-Wagen. Kurze und lange Rohre werden mit Schellen verbunden und schwarzem Tuch verhüllt. Ein paar der Asylbewerber verfolgen die Montage interessiert und warten auf Gelegenheit, helfend hinzuzuspringen. Blitzschnell steht eine Guckkastenbühne, die schon unbespielt neugierig macht.
„Meine Konstruktion“, sagt Jan Holten. „Klein, aber transportabel.“  Die jungen Schauspieler wollen im Frühjahr schließlich mit der Bühne auf den Markt ziehen und zeigen, was sie bewegt. ‚Theater im strukturschwachen Raum‘ wächst hier. Mehr als lustiges Kostümtheater. Eines, das sich mit dem auseinandersetzt, was die zwei Quadratmeter Bühne umgibt. Die nicht ganz einfachen Lebensverhältnisse der Mitspieler. Zu Hause, in der Schule. In einer Gegend, die oft abgeschnitten scheint. „Rubens hat heute Theaterverbot wegen ´ner schlechten Zensur“, erzählt Emma (9). Jemand anders darf nicht, ‚wegen der Ausländer‘, die sich hier ‚herumdrücken‘, begründen die Eltern. Jan Holten hat es also gar nicht so leicht, seine Truppe zusammen zu kriegen. Separaten Proberaum gibt es auch nicht. Die Proben laufen sprichwörtlich in Bahnhofsatmosphäre.

Kinder lassen sich nicht entmutigen

Steine in den Weg bekam er auch von einigen Institutionen, die er um Hilfe gebeten hatte – zum Beispiel dabei, Kinder von den Dörfern mit dem Kleinbus her zu bringen. „Da würden wir unsere eigenen Kinder auch nicht hinschicken“, hieß es. Doch entmutigen lässt er sich nicht. „Man kann sich die Bedingungen nicht aussuchen. Die Gesellschaft stellt eben nicht automatisch den Rahmen“, sagt er schulterzuckend. Genau darum geht es dem Greifswalder ja. Diesen Rahmen zu schaffen. Die Kinder haben da die wenigsten Berührungsängste. Ein Ägypter gesellt sich zu der lustigen Truppe und lässt eine Art Orient-Pop aus dem Handy dröhnen. Er zeigt ein paar Tanzschritte, alle machen mit, kichern. Zu Hause war er Tanzlehrer, erzählt der Mann. Gern würde er dies auch hier anbieten.
Doch dann beginnt die Probe. Anna Rjabof und Nikolaus Roos leiten sie. Ruhe kehrt ein, Konzentration. Aufwärmübungen folgen, es geht um Gruppendynamik, um Vertrauen.
Was auf die Bühne kommt, sind Themen, die die Kinder selbst einbringen. Um Umwelt ging es kürzlich, als in Anklam die Peene verseucht war. Oder Geld. „Eben was die Kinder spannend finden“, sagt Anna Rjabof, genannt „Momo“. Ein Stückchen ihrer Welt. Aber: hinterfragt. Reflektiert. Eben: auf die Bretter gestellt, die die Welt bedeuten.

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