Aus der Werkstatt des Pommerschen Diakonievereins

Jede Kerze ist Maßarbeit

Runde und eckige, bunte und einfarbige Lichter: Die Kerzenwerkstatt des Pommerschen Diakonievereins läuft auf Hochtouren, nicht nur zur Weihnachtszeit. Zu Besuch an einem heißen Arbeitsplatz.

Die jungen Frauen aus dem Kerzenatelier der Greifswalder Greifenwerkstatt mit Werkstattleiterin Karola Wabnitz (li.) vor den bunten Wachstöpfen

von Christine Senkbeil

Greifswald. Damit zu Weihnachten bunte Lichter brennen – dafür arbeitet das Team aus der „Kerze“ in der Greifenwerkstatt des Pommerschen Diakonievereins eigentlich das ganze Jahr. Ein reines A-Team an diesem Vormittag Anfang Dezember: die Vornamen aller vier Mitarbeiterinnen fangen mit A an. Aber nicht deshalb sind sie hier. Eher, weil sie gute Arbeit leisten – und sichtlich Freude daran haben.

„Nur in der Adventszeit würden wir so viele Kerzen nie im Leben schaffen“, sagt Anna, die an einer Reihe bunter Kessel steht, gefüllt mit flüssigem Wachs. Sie taucht die Kerzen, ihr Blick ist konzentriert. In der Hand hält sie ein Holzgerüst, den sogenannten Stempel, an dem acht Fäden in gleichem Abstand zueinander nach unten hängen, die Dochte. Vorsichtig und in gleichmäßigem Tempo versenkt sie die Fäden in den Kessel mit dem roten Wachs und zieht einen Moment später die Kerzenrohlinge wieder heraus. Den Stempel hängt sie an die Wäscheleine hinter sich, schnappt sich den nächsten, und weiter geht’s. Ruhig und gleichmäßig.

25 Tauchgänge pro Kerze

Das Team um Werkstattleiterin Karola Wabnitz hat alle Hände voll zu tun, und zwar von Januar bis Dezember. Kerzen verschiedener Formen und Größen verlassen die Werkstatt. Für Einzelkunden oder als größere Auftragsarbeiten. Die Kerzen können in den Greifswalder Ladenrestaurants „Lichtblick“ und „Pommerngrün“ gekauft werden oder im „Ostseeländer“ in Züssow, alles Stätten des Diakonievereins. „Manchmal kommen Leute mit ihrem Leuchter her und brauchen genau die passende Kerze“, erzählt Karola Wabnitz. Denn jede Kerze hier ist Maßarbeit.

Damit die acht Kerzen an Annas Stempel auf die nötigen Maße wachsen, braucht es etwa 25 Tauchgänge. „Länge und Durchmesser müssen genau stimmen!“, sagt sie. Dazwischen müssen die Kerzen trocknen. Immer vier Stempel hängen parallel auf der Leine oder können getaucht werden. „Die Wachsschichten rutschen sonst ab, wenn sie zu schnell wieder ins Heiße kommen“, erklärt die Greifswalderin. Sie prüft die Temperaturanzeige des Paraffin-Bottichs. „77 Grad Celsius“. Genau richtig. Heute hilft die Chefin beim Tauchen: Allein gerät man doch ganz schön ins Schwitzen, sagt Karola Wabnitz.

In Gusstechnik gefertige Kerzen Foto: Christine Senkbeil

Auch im Sommer heizen die Kessel. „Da mussten wir tatsächlich ein paar Tage Pause machen“, sagt die Werkstattleiterin. „Aber im Winter kommen alle immer hierher, weil es bei uns am wärmsten ist“, ergänzt Anne-Katrin fröhlich, die am Nebentisch die Dochte auf Länge bringt.

In dem modernen Flachbau im Greifswalder Industriegebiet Helmshäger Berg gibt es verschiedene Werkstätten: Kunstatelier PIX, Montage, Tischlerei. Alles geschützte Arbeitsplätze, an denen Menschen mit kleineren oder größeren Handicaps produktiv sind, alle nach ihren Fähigkeiten.

Die Atmosphäre ist ruhig. Kein Stress. Kein Schimpfen. „Wenn ich mal Ruhe brauche, sage ich, dass ich kurz rausgehe“, erzählt Anna. Anne-Katrin ist mitunter etwas hippelig und darf ebenfalls Pause machen. „Dafür sind wir ja geschützte Werkstatt“, sagt Karola Wabnitz.

Doch die Qualität muss stimmen. Die fertigen Kerzen werden gewogen und gemessen. Anna untersucht die Kerzen auf kleine Löcher. „Sie achtet sehr auf Qualität“, sagt die Leiterin. „Ja, ich bin ganz genau“, bestätigt Anna und lächelt.

350 Kerzen für „Brot für die Welt“

„Für die Kunden ist es eben einfach nur eine Kerze. Nicht eine, die in einer Behindertenwerkstatt gemacht wurde. Der Anspruch ist der gleiche.“ Manche Großaufträge seien eine Herausforderung. „Aber wir packen das, wir sind ein dufte Team.“

So wie die Bestellung von „Brot für die Welt“ kürzlich. „Wir mussten 350 Kerzen liefern“, erzählt Annett, die wie beim Möhrenhacken orange Wachsplatten in Würfel teilt. Annett zog vor acht Jahren aus Magdeburg in den Norden. Inzwischen hat sie einen einjährigen Sohn, arbeitet sechs Stunden am Tag hier. „Zuerst war ich in Züssow im Bio-Laden“, erzählt sie. Dann probierte sie es im Restaurant Lichtblick, in der Tischlerei und entschied sich schließlich für die „Kerze“, wie die Werkstatt genannt wird. Sie kommt gern her. Außer, wenn am Vortag was nicht so gut gelaufen ist. „Manchmal muss man sich auch überwinden“, sagt sie.

„Hauptsache unter Leuten“

„Ich komme immer gern her“, ruft Anne-Marie vom Nebentisch. Und auch Anna nickt beipflichtend. „Hauptsache unter Leuten! Zu Hause ist doch langweilig. Das Leben ist schon schwer genug“, sagen sie. „Humor ist das Beste.“

Anne-Katrin ist inzwischen dabei, die von Annett geschnittenen Würfel in eine Weihnachtsbaum-Form zu füllen. „Die wird mit heißem Wachs aufgegossen“, erklärt sie. Die Gusstechnik ist neben dem Kerzenziehen die zweite Produktionsform. „Pass auf mit dem optischen Schwerpunkt“, mahnt die Leiterin. Anne-Marie erklärt: „Oben muss die Kerze heller sein als unten, das sieht schöner aus.“

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