Unterwegs mit deutschen Soldaten im Nordirak

In einem geschundenen Land

Capacity Building Nordirak – das ist einer der weniger bekannten Einsätze der Bundeswehr. Militärseelsorger betreuen die Soldaten vor Ort. Auch Jens Pröve, Militärpfarrer in Appen, hat mehrere Monate lang die deutschen Soldaten dort begleitet.

Militärpfarrer Jens Pröve (l.) und Oberst Nikolaus Nogrady mit Vertretern der Syrisch-orthodoxen Kirche im Kloster Mor Mattai.

Erbil/Nordirak. September 2020. Der A400M, das neue Transportflugzeug der Bundeswehr, steht auf dem Flugfeld vor dem Feldlager in Erbil. Gemeinsam mit 17 Soldaten verlasse ich das Flugzeug. Die Luft flimmert in der Hitze. Zum Camp sind es nur wenige Schritte. Doch das reicht für den ersten Schweißausbruch. Einige Soldaten holen uns ab und bringen uns in den Quarantänebereich. Einer von ihnen sagt: „40 Grad im Schatten – das ist doch nicht heiß. Vor ein paar Wochen hatten wir hier 57Grad!“

Das kann ich mir kaum vorstellen. Ich bin jedenfalls froh, dass mein Einsatz erstmal mit der Corona-Quarantäne beginnt. So kann ich mich akklimatisieren und die Männer und Frauen kennenlernen, die mit mir in den Einsatz starten und zunächst auch in Quarantäne gehen.

Eine bewegende Zeit

Vor mir liegen viereinhalb Monate als Seelsorger für die deutschen Soldaten. Ende Januar – die Nachttemperaturen liegen inzwischen bei 0 bis 5 Grad – geht meine Zeit im Irak zu Ende und ich kehre mit den Soldaten aus „meinem“ Kontingent zurück nach Deutschland.

Dazwischen liegt eine bewegende Zeit: Viele Gespräche über Gott und die Welt. Abendliche Gottesdienste auf dem Appellplatz. Weihnachten im Zweistromland. Die Friedensbotschaft von Bethlehem verkündet in einem Feldlager voller Waffen. Einschränkungen durch die Pandemie. Denn auch hier bestimmt Corona den Alltag, und die Kontakte werden auf das Nötigste beschränkt. Umso intensiver ist die Zeit im deutschen Camp. Gerade zu den Feiertagen gehen die Gedanken der Soldaten nach Hause. Manchem wird das Herz schwer. Gut, wenn man dann einen Gesprächspartner hat.

Militärpfarrer Jens Pröve bei einem Feldgottesdienst im Einsatz in Nordirak Foto: Privat

Zweimal habe ich auch die Möglichkeit, einheimische Christen zu treffen. Denn der Irak hat eine jahrhundertealte christliche Tradition und großen christlichen Minderheiten eine Heimat geboten. Mit einer deutschen Delegation besuche ich das Kloster Mor Mattai. Wir treffen Bischof Nikodemus, den Erzbischof der Syrisch-orthodoxen Kirche. Später kann ich auch ein Gespräch mit dem Bischof der Chaldäisch-katholischen Kirche führen. Beide erzählen von der dunklen Zeit des IS, die nur einige wenige Jahre zurückliegt.

Unzählige Christen sind aus ihren Gemeinden vertrieben oder gar ermordet worden. Viele christliche Dörfer sind verlassen, die große Minderheit der Christen in der Millionenstadt Mossul ist geflohen. Eine Rückkehr nach Mossul oder in die ehemals christlichen Dörfer halten die Bischöfe für unwahrscheinlich. Aber immerhin: Tausende von Christen haben das Land nicht ganz verlassen. Viele haben in Flüchtlings­lagern rund um Erbil Schutz gesucht. Ihnen versuchen die Bischöfe mit ihren Kirchen eine neue Zukunft zu geben: Arbeitsplätze und eine neue Heimat im eigenen Land. Auch der jüngste Papstbesuch soll die Christen stärken und ermutigen.

Im Kloster

Schon viel hatte ich von Christenverfolgungen gehört. Aber diese Berichte vor Ort und aus erster Hand gehen mir sehr nah. Besonders bewegt mich der Besuch im Kloster Mor Mattei am Rande der Ninive-Ebene, nur 40 Kilometer von Mossul entfernt. Schon im 4. Jahrhundert ist es gegründet worden. 2015 stand es vor der Zerstörung. Die Truppen des IS hatten die Ebene überrannt. Die Frontlinie war nur noch rund 500 Meter vom Kloster entfernt. Doch die kurdischen Peshmerga-Soldaten konnten das Kloster schützen und den Vormarsch des IS aufhalten. Mir stockte der Atem, als der Bischof von den Ereignissen erzählte.

Der IS wurde zurückgedrängt. Aber noch immer ist der Irak ein geschundenes Land. Und gerade in diesen Wochen flammt die Gewalt wieder neu auf. Umso mehr hat es mich beeindruckt, mit welcher Kraft die Christen in Erbil daran arbeiten, ihren geflohenen Glaubens­geschwistern aus der Region eine neue Heimat aufzubauen.

Unser Autor
Jens Pröve ist Militärpfarrer in Appen und hat zuletzt für viereinhalb Monate die deutschen Soldaten im Nordirak betreut.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren