Restauratorin im Kloster Lüne

Ihr Staubsauger ist die Pipette

Es ist ein außergewöhnlicher Beruf: Wiebke Haase und Tanja Weißgraf restaurieren alte Textilien im Kloster Lüne in Niedersachsen. Eine mühsame Arbeit – doch das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Restauratorin Tanja Weißgraf bearbeitet eine antike Fahne

von Carolin George

Lüneburg. Holprig ist der Weg, der zu den beiden Frauen führt. Die buckeligen Steine liegen seit dem Mittelalter hier. Neben der schmiedeeisernen Tür plätschert Wasser in Richtung des immerwährenden Brunnens, der seit 600 Jahren in der Halle gluckert. Das Kloster Lüne existiert seit 1172, noch heute lebt hier eine Äbtissin mit einem Konvent.
Ganz hinten links im Hof haben zwei Frauen ihren Arbeitsplatz. Wiebke Haase (61) und Tanja Weißgraf (45) sind Textilrestauratorinnen der Klosterkammer Hannover. Von Lüneburg aus betreuen sie 15 Klöster und Stifte, das südlichste liegt bei Göttingen, das westlichste bei Bremen. Im ersten Stock über der Quarantänestation herrscht konzentrierte Ruhe. Seit 16 Jahren arbeiten Tanja Weißgraf und Wiebke Haase hier zusammen, Haase leitet die Werkstatt seit 1996.
Ihre Finger ziehen säurefreies Seidenpapier von einem der großen Tische, die in der Mitte des hellen Raumes stehen. Darunter liegt ein Stück Stoff, etwa einen Meter lang und einen halben Meter breit. Roter Seidensamt, mit stilisierten Granatäpfeln in Gold broschiert. Kloster Lüne, 15. Jahrhundert. Haases Augen blitzen. „Stoffe wie dieser wurden im Mittelalter gehandelt wie Edelsteine. Seit 20 Jahren sehen wir hier so etwas zum ersten Mal. Da staunen sogar wir noch.“

Den Altarbehang trug zuvor ein Priester

Den Restauratorinnen geht es nämlich nicht nur ums Restaurieren. Ihnen geht es vor allem darum, was ein Gewebefragment einmal gewesen ist. Seine Geschichte, seine Identität. Der goldbroschierte Seidensamt ist zusammengenäht aus mehreren Einzelteilen, die sich, von weiter weg betrachtet, sehr ähnlich sehen, aber unterschiedlich gemustert sind. „Die Stoffe wurden damals immer wieder neu verwendet“, sagt Wiebke Haase. „Zum Schluss war dies eine Altarbekleidung, ursprünglich aber vermutlich ein Priestergewand.“
Auf eine andere, seit Jahren offene Frage haben die Restauratorinnen jüngst unverhofft eine Antwort gefunden. In einem der hellgrauen, gepufferten Kartons der Werkstatt liegt ein Kruzifix aus dem Kloster Ebstorf, zweite Hälfte 15. Jahrhundert. Ein gestickter Jesus-Korpus aus gefüllter Seide ist auf das Kreuz genäht, allein der Kopf, der fehlte. Als die Kirche des Klosters nun sehr umfangreich saniert wurde, haben Bauarbeiter 50 Säcke mit altem Schutt gefüllt. Darin fanden die Restauratorinnen nicht nur Gewebe, Knochen, Glas und Skulpturen. Auch einen Kopf aus gefüllter Seide mit Reliefstickerei. Er passte perfekt zum Kruzifix. Dieses Puzzle-Rätsel ist gelöst.
Doch bevor das Team Haase/Weißgraf solche Rätsel lösen kann, müssen die wertvollen Stücke in die Stickstoffkammer. Nach sechs Wochen fliegt garantiert kein Sauerstoff-Molekül mehr durch die Luft, und jedes Ungeziefer hat das Zeitliche gesegnet. Vorher kommt den Damen im ersten Stock nichts unter das Mikroskop. Viel zu gefährlich wäre es, wenn ein Wollkrautblütenkäfer oder eine Kleidermotte in ihr Labor finden würde.

Kleinteilige Arbeit

Dann heißt es Reinigen. Natürlich nicht so, wie zu Hause die Sofakissen gesäubert werden. Wiebke Haase und Tanja Weißgraf saugen mit Pinsel und Pipette. Mit dem Pinsel lösen sie den Staub, mit der Pipette saugen sie ihn ab – alles unter dem Mikroskop.
„Manchmal habe ich das Gefühl, extrem langsam voranzukommen“, sagt Tanja Weißgraf, „diese Arbeit ist doch wirklich sehr kleinteilig.“ 40-fach vergrößert zeigen die Linsen den Stoff an – wenn hundert Meter entfernt ein Zug über die Gleise rollt, dann sieht sie das Gewebe zittern. Drei Wochen in Vollzeit braucht die Reinigung für ein 100 mal 50 Zentimeter großes Stück Stoff wie das, was gerade unter dem Mikroskop liegt: ein Antependium aus dem Stift Obernkirchen, Wolltuch mit Seidenstickerei, um 1450.
Ein ganzes Jahr hat eine Praktikantin in der Werkstatt an etwas gearbeitet, das als durcheinandergewürfelte Stoffstückchen in einer Wäscheschachtel der einstigen Äbtissin des Klosters Ebstorf gefunden worden war. Teils mit Tesafilm geklebt, zerfielen die Restaurierungsseiden schon vor dem eigentlichen Gewebe. Jetzt liegt die Fahne flach ausgebreitet in ihrem Labor, auf zeitgenössischer roter Seide liegt in leuchtenden Farben der heilige Mauritius, der Klosterpatron, zusammengesucht aus Dutzenden einzelnen Teilstücken.

Dampfentsafter hilft den Restauratorinnen

Zum Schutz haben die Restauratorinnen Tüll über den 150 Jahre alten Schatz gespannt – und damit das nicht auffällt, hat die Praktikantin die Gaze eigenhändig passend zu den darunter liegenden Tönen eingefärbt. Mehrere Stunden musste die Farbe per Dampf in der Seide fixiert werden – als Provisorium nahmen sie einen handelsüblichen Dampfentsafter.
Ein in der Inventarkartei als Lätzchen bezeichnetes Stück Stoff ist in Wahrheit Teil einer Skulpturenbekleidung gewesen, und in Zeiten der Reformation haben die Nonnen Pergamente zerschnitten, auf denen überkommene Texte und Liedgut geschrieben standen. Sie recycelten sie als Versteifung für Säume an Kleidern von Figuren. Es sind Geschichten wie diese, die Wiebke Haase und Tanja Weißgraf gemeinsam mit einer Kunsthistorikerin in ihrem Buch „Heilige Röcke“ erzählen.

Älteste Stücke sind 1000 Jahre alt

Die ältesten Stücke in Lüneburg sind zwei Reliquienbeutel: Sie bestehen aus Seide, in den Täschchen haben Wiebke Haase und Tanja Weißgraf daumennagelgroße Päckchen gefunden, verschnürt und mit winzigen, mit Namen beschriebenen Pergamentzetteln versehen. So behutsam für die Ewigkeit verpackt, liegen darin Reliquien, also „Knöchelchen“ von Heiligen. Und die Beutel selbst? Sie lagen in einer Madonna im Kloster Ebstorf – ein Türchen im Rücken der Skulptur führte zu einem Hohlraum. Und darin lagen die Beutel. Seit 1000 Jahren.

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