Hiobs Wunsch

Über das Urteil eines Lebens durch den göttlichen Richter spricht Pastor Tilman Baier, Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Kirchenzeitung MV

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: „Hiob sprach: Ach, dass ich doch wüsste, wo ich Gott finden könnte … Dann würde ein Redlicher mit ihm rechten.“ aus Hiob 23, 1-17

Nein, er hatte sich nichts vorzuwerfen, da war er nach langem Grübeln ganz sicher. Mochten die anderen auch abfällig auf ihn herunterschauen – was konnte er dafür, dass ihn ein Schicksalsschlag nach dem anderen getroffen hatte? Was konnte er dafür, dass er der einzige Überlebende in seiner Familie war, den die tückische Krankheit nicht weggerafft hatte? Dass er all sein Vermögen verloren hatte und damit auch sein Ansehen?

Ach, das kannte er auch von anderen: Wenn jemand, wohlhabend und ein anerkanntes, führendes Mitglied der Gemeinschaft, ins Stolpern geriet, dann mischte sich in das fast schon unerträgliche Mitleid der Freunde schnell auch die Häme der einst Neidischen. Und die Frommen waren ganz sicher, dass er schwer gesündigt haben müsse, wenn Gott ihn so straft.

Das Erstaunliche an der verstörenden biblischen Erzählung von Hiob ist, dass er sich ganz sicher ist, unschuldig an seinem Leid zu sein. Galt doch – und gilt unter manchen Frommen noch immer –, dass Wohlergehen eine Belohnung Gottes für ein redliches Leben ist. Umgekehrt galt: Krankheit oder Armut waren Strafen Gottes für ein Fehlverhalten, das nachwirkte bis in die folgende dritte oder vierte Generation.

Hiob klagt die Gerechtigkeit Gottes ein – für sich. Damit steht dieser Predigttext quer zu den Bibeltexten, die in anderen Jahren an diesem elften Sonntag nach Trinitatis zu predigen sind. Dort geht es darum, dass Menschen vor Gott versagen, auf seine Gnade angewiesen sind und durch seine Barmherzigkeit zur Umkehr auf falschen Wegen gedrängt werden.

Was also anfangen mit diesem Hiob, der nicht göttliche Gnade will, sondern göttlichen Richtspruch? Wer kann schon so sicher sein wie er, ein durch und durch gottgefälliges Leben zu führen? Ich kann dies für mich nur so beantworten: Ich habe die Hoffnung, dass der göttliche Richter, der sein Urteil über mein Leben sprechen wird, derselbe ist, der am Kreuz auch meine Schuld und mein Versagen auf sich genommen hat. Und am Ende all unserer Wege steht mit ausgebreiteten Armen.

Unser Autor
Pastor Tilman Baier
ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Kirchenzeitung MV.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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