Anklamer Kirche

Hier füllt Musik die Herzen

In der Anklamer Marienkirche wird fast jeden Abend gesungen. Kantorin Ruth-Margret Friedrich organisiert die Andachten – zum Trost für die Besucher und sich selbst.

Die Anklamer Marienkirche erleuchtet in einem besonderen Licht

von Sybille Marx

Anklam/Greifswald. Jedes Mal, wenn Kathrin Schulz nach Anklam kommt und sich zur Adventsandacht in die farbig ausgeleuchtete Marienkirche setzt, wird sie von Geborgenheit und Zuversicht erfüllt: „Ein mutiges ‚Trotzdem wird es Weihnachten’“, hat sie dann im Kopf: „Trotz all dieser Verzweiflung und Angst, die wie eine schwere Decke auf unserer Seele liegen.“

Kathrin Schulz gehört zu den 10, 20 Besuchern, die derzeit im Schnitt die Adventsandachten in der Anklamer Marienkirche besuchen. Wie schon im vergangenen Jahr lässt Kantorin Ruth-Margret Friedrich fast jeden Abend in dem hohen Kirchenraum 15 bis 20 Minuten Musik erklingen und Texte lesen – während überall im Land fast alles wieder ausfällt: Chorproben und -auftritte, Konzerte, die an 2Gplus und Abstand scheitern, Weihnachtsmärkte, Feiern.

Kantorin an der Orgel

An den meisten Adventsabenden, die wie Gottesdienste unter 3G stattfinden, sitzt die Kantorin selbst an der Orgel, an einigen treten andere Musiker auf. Auch Liedermacher Gerhard Schöne singt für das Publikum Advents- und Weihnachtslieder. Erst Mitte November hatte Ruth-Margret Friedrich bei ihm angefragt, in normalen Zeiten viel zu kurzfristig. „Aber wie bei so vielen Musikern ist auch bei ihm das Auftragsbuch auf einmal leer.“ So werden ihn nun bis zu 100 Menschen mit Platzkarten in der Marienkirche hören können.

Nahrung für die Seele

Jeweils eine Person liest bei den abendlichen Andachten auch Texte vor, die zum Nachdenken anregen oder die Seele nähren sollen. „Das tut unglaublich gut“, findet Kathrin Schulz. „Die Kraft, die hinter all dem steht – den alten Liedern, Gebeten und Worten –, haben wir vielleicht noch nie so gebraucht wie jetzt.“

Ruth-Margret Friedrich sieht es ähnlich. „Wir als Kirche müssen gerade jetzt etwas anbieten“, findet sie. Dass zum zweiten Mal im Advent kaum noch Begegnungen möglich sind, die Kirchen wegen der 3G-Regel nicht mehr jeden Menschen „ohne Ansehen der Person“ einlassen dürfen und das Singen auch in riesigen Räumen und bei viel Abstand nur mit Maske erlaubt ist – „das finde ich alles sehr schmerzlich“, sagt sie. Trotzdem nutzt sie jede Möglichkeit, die die Landesverordnung von MV den Kirchen lässt. „Musizieren und Singen sind elementare Lebens­äußerungen des Menschen.“

Bläser spielen im Riesenrad

Landesposaunenwart Martin Huss hatte in Greifswald ebenfalls dafür gesorgt, dass die traditionelle Bläsermusik im Kerzenschein stattfinden konnte, wenn auch in veränderter Form: Das Publikum, das sonst immer bei drei musikalischen Andachten dicht gedrängt in der Marienkirche saß, verteilte sich nun auf den Dom, die Marienkirche und sechs Plätze unter freiem Himmel. Zuletzt spielten einige der Bläser auf dem Weihnachtsmarkt Adventslieder, auf Karussell-Pferden und in Riesenrad-Gondeln sitzend. „Es war wunderbar“, sagte eine Besucherin im Dom nachher. Alles sei so liebevoll gestaltet. „Ich habe gemerkt, dass ich wegen Corona noch gar nicht auf Weihnachten eingestimmt war. Jetzt kam es mir vor, als würde das Weihnachts-Ufo mitten im Corona-Grau landen.“

Info
Die Adventskirche Anklam ist täglich von 17.30 Uhr bis 18 Uhr geöffnet.

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