Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge

„Hier fängt das Leben an“

Berne. In kleinen Schritten Asylsuchenden helfen – darum geht es in einer „Mitmach-Fahrradwerkstatt“ in Berne, die jetzt ihre Arbeit aufgenommen hat.

In der Fahrradwerkstatt: Bischof Jan Janssen (zweiter von rechts) mit Flüchtlingen

von Dieter Sell
Dieses verflixte Licht. Ist es ein Kurzschluss? Irgendwo das Kabel gebrochen? Oder sitzt die Verbindung zum Dynamo nicht richtig? Während Oldenburgs Bischof Jan Janssen den Lenker hochhebt, dreht Claus Belsemeyer kräftig am Vorderrad. Plötzlich funktioniert alles, die beiden strahlen mit dem Scheinwerferlicht um die Wette. Janssen besucht an diesem Sonnabend in der niedersächsischen Wesermarsch eine Fahrradwerkstatt, ein kirchliches Hilfsprojekt Ehrenamtlicher, das beispielhaft zeigt, wie örtliche Netzwerke bundesweit Asylsuchende unterstützen können. Es ist eine Aktion mit und für Flüchtlinge.
Politik und Hilfsverbände sind sich längst einig, dass ohne die vielen Tausend freiwilligen Helfer die Betreuung der Flüchtlinge in Deutschland gar nicht bewältigt werden könnte. Mehr als 30 dieser Ehrenamtlichen haben sich in Berne zwischen Bremen und Oldenburg auf Initiative der evangelischen Jugend zusammengefunden, um in einer „Mitmach-Fahrradwerkstatt“ alte Drahtesel aufzumöbeln. Das Ziel: Flüchtlinge mobil machen. „Und Flüchtlinge helfen dabei mit“, sagt Mitinitiatorin Sandra Bohlken.
Die November-Samstage sollen genutzt werden, um in einem leerstehenden ehemaligen Supermarkt Fundräder der Kommune aufzuarbeiten. Auf einem Tisch stapelt sich bereits das Werkzeug, auf dem nächsten liegen griffbereit gespendete Ersatzteile. „Meistens geht es um die Beleuchtung, um Bremsen, Luft oder darum, die Schläuche zu wechseln“, beschreibt James Helm die Aufgaben. Der 54-jährige gelernte Schlosser hat ehrenamtlich die technische Leitung übernommen. Gerade hat der passionierte Radfahrer Janssen die Ärmel hoch gekrempelt und beugt sich im Team mit Belsemeyer über eine echte „alte Dame“ aus der Fahrradschmiede der Firma Hartje, die gar nicht weit entfernt in Hoya produziert. Die eigentlich unkaputtbare Technik hat schon Jahrzehnte überdauert und kriegt nun noch einmal neuen Glanz.

Viele Flüchtlinge müssen Radfahren noch lernen

„Das ist ein kleines Damenrad ohne komplizierte Technik, ideal für Flüchtlinge, die oft erst das Radfahren lernen müssen“, sagt Janssen, der sich über die Zusammenarbeit mit den Flüchtlingen vor Ort freut. „Hier fängt das Lernen voneinander und miteinander an – das überbrückt Distanzen.“ Zumal auch alle anderen in Berne in die Werkstatt kommen und ihren Drahtesel wieder flottmachen können. „In der Gemeinschaft können Probleme leichter gelöst werden“, meint Diakonin Bohlken.
Einer, der mit dem Rad schon gut umgehen kann, ist Bassel Sharbatji, der vor zwei Monaten nach seiner Flucht aus der syrischen Hauptstadt nach Deutschland kam. „In Damaskus fahren die Leute auch mit Rädern“, berichtet der 21-Jährige, der an diesem Vormittag bei den Reparaturen hilft und sich freut, selbst ein Fahrrad mitnehmen zu können.
Die Fahrradwerkstatt sei in Zusammenarbeit von Kirche, Kommune und anderen Hilfsorganisationen entstanden, betonte Janssen. „Wir brauchen Unterstützung für örtliche und regionale Netzwerke dieser Art, um gleichermaßen Ehrenamtliche und Flüchtlinge zu stärken“, fordert der Theologe. „Hier geht es nicht darum, die Welt zu retten, sondern um den nächsten Schritt für Flüchtlinge.“

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren