Porträt einer entwidmeten Kirche

Heute wird in der „Elbdudler-Kirche“ gearbeitet

Vor elf Jahren wurde die St. Stephanuskirche entwidmet. Heute ist sie Heimat einer Internetagentur. Ist das ein Vorbild für andere Kirchen?

Kommerz in der Kirche: Die Mitarbeiter der Agentur Elbdudler arbeiten in der entweihten St. Stephanuskirche

von Catharina Volkert

Hamburg. Die Zukunft von einem Drittel aller Gotteshäuser in Hamburg-Ost ist ungewiss. Vermietungen sind möglich – aber auch der Verkauf. Ein Beispiel eines verkauften Gotteshauses bietet die frühere St. Stephanuskirche, die 2005 entwidmet wurde. Heute ist sie Heimat einer Digitalagentur.
„Ich bin der Hirte“ steht in großen goldenen Lettern am Deckenbalken. Direkt unter der biblischen Zusage ist eine hölzerne Empore, auf der Bürotische stehen. Junge Frauen und Männer beugen sich hier über ihre Computertastaturen oder schauen konzentriert auf ihre Bildschirme. Aus der St. Stephanuskirche ist die „Elbdudlerkirche“ geworden. So wird der Sitz der Digitalagentur Elbdudler von seinen rund 50 Mitarbeitern manchmal liebevoll, manchmal ironisch genannt.

Proteste in der Gemeinde

Richtet Kathrin Kaufmann ihren Blick von ihrem Bildschirm auf, blickt sie auf das Mosaik, das den auferstandenen Christus zeigt. Für Kaufmann ist die Kirche „eine coole Location“. Sie stammt aus Österreich, wurde katholisch erzogen. Heute hat sie keinen Bezug zur Kirche. Kaufmann: „Ich finde es gut, dass das Gebäude weiterhin genutzt wird. Es ist so ein schöner Ort.“ Sie ergänzt: „Bei einer Barockkirche würde es einen bestimmt schwerer fallen, sie anders zu nutzen.“
2005 hingen Transparente vor der Kirche in der Gemeinde Eimsbüttel. Auf diesen stand die Forderung, dass St. Stephanus keine „coole Location“ werden dürfe. Damals war sie die erste Hamburger Kirche, die aus finanziellen Gründen im damaligen City-Kirchenkreis Alt Hamburg entwidmet wurde.
„Wir haben viele Angebote damals bekommen“, erinnert sich Jürgen Schücker, langjähriges Mitglied des Kirchengemeinderates der Gemeinde Eimsbüttel. Ein Kolumbarium – ein Aufbewahrungsort für Urnen – oder ein Mehrgenerationenhaus standen zur Diskussion.Drei Jahre lang diskutierte die Gemeinde, 2008 bekam ein privater Investor den Zuschlag. Er ließ sich auf den Kaufvertrag ein, in dem festgehalten wurde, dass die ehemalige Kirche in ihrer Neunutzung christlichen Werten entsprechen sollte – Glückspiel oder Prostitution waren damit ausgeschlossen.

Besuch aus der Nachbarschaft

Das markante rote Backsteingebäude wurde renoviert, Emporen wurden eingezogen und neuer Dielenboden verlegt. „Wir waren beeindruckt, was mit dem alten Gemäuer geschah“, sagt Schmücker, „er hat es wirklich wunderbar hergerichtet.“
Die entwidmete Kirche wurde für Hochzeiten vermietet. Ein Jahr lang lud ein Café auf der Empore die Eimsbütteler ein. Viele alte Gemeindeglieder lernten in dieser Zeit ihre alte Kirche in neuer Nutzung kennen. Im Jahr 2012 zog die Digitalagentur „elbdudler“ ein. „Gerade anfangs kamen oft Leute aus der Nachbarschaft vorbei, um sich die Kirche anzusehen“, erinnert sich Karin Kaufmann. Die einen oder anderen seien durchaus irritiert gewesen, dass ihre alte Kirche nun eine Agentur beheimatet.
Kinder wurden hier getauft, Ehen geschlossen – die Erinnerung an den Ort ihres Segens ist für viele Gemeindeglieder durch den Verkauf getrübt. Schmücker: „Das dauert zwei Generationen, bis die Wunde verheilt ist.“ Die Gemeinde hat Kreuz, Bibel, Abendmahlsgeschirr und Taufkanne auf ihre verbliebenen zwei Kirchen verteilt. Und der Erlös des Verkaufs floss in die eigene Stiftung. Für Schmücker ist deutlich: „Stephanus lebt“.
Die entwidmete Kirche in Eimsbüttel zeigt, wie eine neue Nutzung gelingt. Sie kann ein Beispiel sein für weitere Hamburger Gotteshäuser, deren Zukunft ungewiss ist.

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