Einsichten – die christliche Kolumne

Herrscher der Welt

Über einen Freund und Richter schreibt Pastor Tilman Baier. Er ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Kirchenzeitung MV.

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: Christus spricht: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige … und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ aus der Offenbarung des Johannes 1, 9-18

Sie schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte die Neunjährige sehr bestimmt, „das da oben ist nicht Jesus“. Wir hatten auf unserer Fahrradtour Halt gemacht an einer uralten Dorfkirche. Dann hatte sie die Gestalt erblickt, oben im Gewölbe des Chores. Thronend, majestätisch, eingerahmt von einem zugespitzen Oval, fast wie von zwei Regenbogen. Aus dem Mund ragte auf der einen Seite eine Lilie hervor, auf der anderen Seite ein Schwert.

Ich hatte ihr erklärt, dass das dort der auferstandene Jesus sei, dargestellt als Weltenrichter. „Das ist nicht Jesus“, wiederholte sie, „vielleicht ist es ja Gott, auch wenn er viel zu jung dafür aussieht“. Dann kam die Begründung: „Jesus ist doch viel lieber, ist mein Freund.“ Angesichts so überzeugter Glaubenssätze musste mein Versuch, die Christologie kindgemäß zu erklären, scheitern. Aber ist das verwunderlich? Können wir Erwachsenen denn das glauben, was der Prophet Johannes, von der römischen Staatsmacht auf eine Insel verbannt, in einer Vision zu schauen bekommt? Dass dieser Jesus, der eben noch in der Krippe lag und dann am Kreuz starb, Herrscher der Welt und ihr Richter ist?

Es ist die Zeit der großen Christenverfolgungen um die erste Jahrhundertwende. Die Gemeinden in den sieben großen Städten Kleinasiens sind bedroht. Einmal von außen, durch den Mob und die Obrigkeit. Dann aber auch von innen. Die Verfehlungen, die jede dieser Gemeinden in einem Sendschreiben attestiert bekommt, sind wenig schmeichelhaft: Abgewichen von der „ersten Liebe“, Irrlehre, Feigheit, Anpassung an heidnische Bräuche. Und doch soll die Vision, die Johannes aufschreibt, ihnen Mut machen, durch­zuhalten.

Ich habe in der alten Dorfkirche für mich wiederentdeckt, wie gut es ist, dass dieser Jesus mir so unterschiedlich begegnet: als Freund und Richter, als Leidender und Triumphierender, als wahrer Gott und wahrer Mensch. Und das oft so ganz anders, als ich es erwarte und ersehne. Und doch immer mit dem Spruch, der mir Hoffnung gibt: „Fürchte dich nicht, ich bin es.“

Unser Autor
Pastor Tilman Baier ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Kirchenzeitung MV.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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