Einsichten – die christliche Kolumne

Groschen

Über Geschichten der Not spricht Henning Kiene. Er ist Pastor im Pfarramt Ahlbeck-Zirchow auf Usedom.

Der Predigttext des kommenden Sonntags lautet: „Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben.“ aus Markus 12, 21-44

Als Kind freute ich mich auf den Sommer. Wenn die Urlaubskasse gefüllt war, ging es an die See. Das war Weite und Licht, roch nach würziger Salzluft. Nach langer Fahrt kamen wir an. Wir Geschwister stürmten sofort zum Strand, rutschten die Dünen runter, kullerten durch den Sand.

Abends lagen wir glücklich in den frisch bezogenen Betten und schliefen zufrieden ein. Dass der Dünensand aus den Haaren rieselte, merkten wir erst, als es schon zu spät war. „Das ganze Bett ist sandig“, hieß es morgens. Die gute Stimmung war angekratzt.

Unsere Mutter sagte bestimmt: „Wir haben uns diesen Urlaub vom Munde abgespart.“ Ich hatte die runde Blechsparbüchse auf dem Küchenschrank vor Augen. Nach dem Einkauf steckte Mutter Geldstücke ein, „für den Urlaub“ sagte sie dann. Manchmal seufzte sie tief, saß vor einem karierten Heft, rechnete lange. Ich fürchtete dieses Seufzen und überlegte, wie wir leben würden, wenn wir arm wären.

Die Geschichten der Not wurden damals noch erzählt. Ich hörte gedämpfte Stimmen durch verschlossene Türen. Vom Hunger war die Rede, von dürftigen Almosen. „Die hatten ja auch nichts“, sagte Mutter, „aber sie gaben trotzdem.“ „Wie die Witwe mit dem Scherflein“, hörte ich Oma, „mit deren letzten Groschen haben wir überlebt.“

Einige Tage später frage ich nach dieser Witwe. Mutter erzählte von dem Gotteskasten. Wir erfuhren: Wer das Letzte teilt, riskiert alles. Und dann lachte Mutter: „Ihr sollt nicht lauschen.“ Wir Kinder nahmen uns fest vor, sehr zufrieden zu sein. Wir vergaßen den Sand im Bett, der kratzte allerdings bis zum letzten Tag. Niemals mussten wir uns einen Urlaub vom Munde absparen. Aber einige Jahre vor meiner Geburt hatte jemand seine letzten Groschen gegeben. Als Kind war ich überzeugt, dass diese Groschen meine Familie gerettet haben. Heute bin ich dankbar.

Unser Autor
Henning Kiene ist Pastor im Pfarramt Ahlbeck-Zirchow auf Usedom.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Dienstag.

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