30. August 2015 | Woldegk

Gottes Liebe meint wirklich uns

13. Sonntag nach Trinitatis

Gnade sei mit Euch . . .
Liebe Gemeinde!
Worauf kommt es an im Leben? Was ist das Wichtigste, was man auf keinen Fall unterschätzen sollte?"
Zu DDR-Zeiten hätten manche vielleicht geantwortet: „Beziehungen! Auf ‚Vitamin B’ kommt es an." Wenn es um einen neuen Auspuff ging oder Fliesen oder die gegenseitige Hilfe beim Eigenheimbau – Beziehungen waren wichtig.
Um „Beziehungen" geht es ganz zentral auch in der Bibel – um die Beziehung zu Gott und zum Nächsten. Wie wir es eben im Evangelium gehört haben: Es geht um Liebe – zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst.
Vielleicht kennen Sie ja auch eines dieser Bücher, in denen mehr oder weniger prominente Menschen gefragt werden: „Was ist für Sie das Wichtigste am Christentum?" Die häufigste Antwort lautet: „Nächstenliebe. Dass ich aufgefordert, ja angefeuert werde, den Nächsten zu lieben wie mich selbst."
Das finde ich bezeichnend: Für viele heute ist Ethik wichtig, das Verhalten. Sie verbinden Christentum mit Werten, mit Moral, mit Anstand. Das ist ja auch nicht falsch. Wer wollte schon etwas gegen Nächstenliebe sagen?! Auch für Jesus war es das höchste Gebot. Aber diese Haltung, allein die Beziehung zum Nächsten im Blick zu haben, steht für eine bedenkliche Entwicklung: Religion scheint sich aufzulösen in Moral. Auch unter Christen ist das anzutreffen: Weil die religiöse Seite des Glaubens nicht so einfach zu greifen ist, hält man sich an seine praktische Seite, an das Soziale, setzt sich ein für einen guten Zweck. Dabei wird die erste Hälfte des höchsten Gebotes unterschlagen: „Liebe Gott!", sagt unser Predigttext. Schon in der hebräischen Bibel, im AT heißt es:
„Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist allein der Herr und du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften!“
Damit geht es los. Das steht an erster Stelle. Erst dann heißt es: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Weil die eine Seite der Medaille so wenig beachtet wird, lassen Sie uns heute zuerst über die Gottesliebe nachdenken – genauer gesagt: über die Liebe zu Gott, die wir Menschen entwickeln können.
Ich gestehe: Ich habe eine gewisse Scheu über diese Beziehung mit Ihnen nachzudenken – ist es doch ein persönliches Thema. Und doch kommen wir nicht daran vorbei, wenn wir uns fragen: „Worauf kommt es an im Leben? Was ist das Wichtigste?"
Was meint das eigentlich: „Wir sollen Gott lieben"?
Es bedeutet:  Der Gott Jesu Christi möchte geliebt werden. Das ist keineswegs selbstverständlich. In der griechischen Götterwelt bspw. brachte man den Göttern Opfer, Verehrung, Anbetung  entgegen – ja, aber an eine wirkliche Beziehung war nicht gedacht. Für das antike Gottesverständnis war es grundlegend, dass Götter unbeteiligt über den Dingen thronten. Hoch über der Welt menschlichen Ringens und Leidens schwebt die griechische Gottheit unberührt in unwandelbarem, reinem Sein.
Wie anders kommt uns da der Gott der Bibel entgegen: Er zeigt sich als leidenschaftlich, eifernd, auf Beziehung aus. Er lässt sich verwickeln in die Geschicke seines Volkes und der Menschheit. Er liebt und möchte geliebt werden.
Der Gott Jesu Christi möchte Liebe – und diese Liebe soll nicht verwechselt werden mit Pflichterfüllung. Das ist ja manchmal ein tragisches Missverständnis zwischen Vätern und Söhnen, dass Söhne denken: Wenn sie gute Söhne sind, wenn sie die Erwartungen ihrer Väter erfüllen, dann würden sie endlich geliebt. Nein, die Väter sind dann vielleicht stolz und zufrieden. Aber Liebe? Liebe ist es doch dann, wenn ich um meiner selbst willen geliebt werde, so wie ich bin!
Das ist ja manchmal auch die Verwechslung im Verhältnis zu Gott: Wir nennen ihn zu recht Vater. Wir stehen damit aber in der Gefahr, unsere Verhaltensmuster auf das Verhältnis zu ihm zu übertragen. Ich jedenfalls kenne das von mir: Ich möchte für Gott etwas tun, damit er mir gut ist, mich liebhat. Es ist der Versuch, sich Zuneigung zu verdienen, der Liebe wert zu sein.
Wo Menschen so an diese Beziehung herangehen, da schmälern sie die Liebe Gottes und ihre eigene: Gott ist kein liebesunfähiger Vater, der Zuneigung zu seinem Sohn, zu seiner Tochter nur dann empfinden kann, wenn seine Erwartungen erfüllt werden.
Das Schöne ist: Gottes Liebe meint wirklich uns. Sie nimmt uns an, wie wir sind; und sie traut uns zu, dass wir nicht so bleiben müssen, wie wir sind. Gottes Liebe hofft – wie jede wirkliche Liebe – auf Erwiderung: auf echte Zuneigung, die wirklich ihn meint. Allein gute Taten, ein anständiges Leben – das greift zu kurz.
Stellt sich die Frage: Wie soll das gehen – Gott lieben?
Da fällt zunächst auf: Das Gebot zählt sehr ausführlich auf: „von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt, von allen deinen Kräften". Das bedeutet zum einen: Es ist etwas Totales, Gott zu lieben. Das geht nur ganz und gar. Es geht nicht um ein Opfer, nicht um Teile Deines Lebens, die Du Gott geben sollt – nein, es geht um die volle, ganze Frucht des Lebens. Zum anderen frage ich mich: Könnte diese Aufzählung – Herz, Seele, Gemüt, alle Kräfte – nicht auch verschiedene Wege des Liebens andeuten? Es erinnert mich an die religiöse Welt Indiens, wo man vier Wege zur Erleuchtung sieht. Wir Menschen tragen die Möglichkeiten dieser Wege in uns, sind aber unterschiedlich begabt:
·        Manche sind vor allem mit dem „Herzen" stark, im Gefühl: Ihr Weg ist es, sich Gott emotional hinzugeben.
·        Bei anderen steht die „Seele" im Vordergrund: Sie gehen den Weg der Versenkung, der Meditation.
·        Wieder anderen ist ein besonders entwickeltes „Gemüt" gegeben, d. h. Verstand, Vernunft, Verlangen und Streben: Sie beschreiten den Weg der Erkenntnis. Im Verhältnis zu Gott ist es wie auch sonst in der Liebe: Man interessiert sich füreinander, ist neugierig, sucht den anderen besser zu verstehen, möchte Zeit haben miteinander, so dass man sich tiefer erkennt und sich näher kommt als mit anderen.
·        „Von allen deinen Kräften" – das meint den Weg der Tat: Also Christus im Geringsten der Brüder und Schwestern zu erkennen und deshalb etwas für die Veränderung der Verhältnisse zu tun.
Damit sind wir wieder bei der Nächstenliebe. Ich habe mich einmal über diese Frage mit einem jungen Muslim unterhalten. Er erzählte mir: „Bei uns zu Haus in Marokko ist das ganz einfach. Im Umkreis von 40 Häusern – das sind meine Nächsten. Für die bin ich mitverantwortlich. Wenn da jemand Hunger leidet, ist es auch meine Aufgabe, ihm zu essen zu geben.“
Mich hat das beeindruckt. Gehen wir einmal im Geiste die Straße entlang, in der wir wohnen: 40 Häuser – wer da alles mein Nächster wäre! Jesus legt unseren Verantwortungsbereich nicht mit Zahlen fest. Er legt uns diejenigen ans Herz, die in einer bestimmten Situation gerade uns brauchen. Nächste können heutzutage besonders Kinder sein, denen es an Zuwendung fehlt, an Zuneigung und Aufmerksamkeit.Und wo sie diese von ihren Eltern nicht bekommen, ist es gut, wenn wir mit achthaben auf sie, ihnen Wärme und Orientierung mitgeben für’s Leben.
In diesen Tagen legt uns Gott auch die Flüchtlinge ans Herz. Menschen, die vor Terror und Krieg fliehen mussten, brauchen einen Ort, wo sie aufatmen und Frieden finden können. Nicht jeder, der zu uns kommt, wird bleiben können. Aber hier in M-V sind wir noch längst nicht an die Grenze der Aufnahmefähigkeit gekommen, wenn 9.000 Flüchtlinge aufzunehmen sind. Nach dem 2. Weltkrieg war es eine Million, die Verdoppelung der Bevölkerung! So können wir gelassen bleiben und die Schutzbedürftigen als unsere Nächsten annehmen.
Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten hängen eng zusammen. Die Grenzen sind fließend: Ich bin dankbar für Menschen, die diese und andere Kirchen liebevoll schmücken – den Menschen zur Freude, Gott zur Ehre. Ich bin dankbar für Menschen, die es sich Zeit, Kraft und Geld kosten lassen, diese Kirche zu erhalten. Welch ein Gewinn auch, dass es gelungen ist, den Turm wieder aufzubauen! Auch Menschen, die sich in ihrer Gemeinde einsetzen, tun Gott und den Menschen etwas Gutes.
So gibt es verschiedene Wege, sich dem zu nähern, was dieses große Wort „Gott lieben" nennt. Am besten fängt man mit dem an, worin man begabt ist. Dazu möchte ich Ihnen abschließend eine kleine Geschichte erzählen:
Ein Clown tritt am Ende seines Lebens in ein Kloster ein. Dort hütet er die Schweine und feiert auch die Andachten mit. Ein Satz aus einer Predigt prägt sich ihm besonders ein: „Alles, was aus Liebe geschieht – und sei es das kleinste Werk – gefällt Gott.“
Eines Tages fehlt der Clown beim Mittagessen. Alle machen sich auf die Suche. Schließlich finden sie ihn in der Kirche: Er schlägt vor dem Marienaltar ein Rad und lässt den Stock auf der Nase tanzen. Als der Clown gerade ansetzt, Bälle in die Luft zu werfen, will Vater Abt nach vorn stürzen, um der Gotteslästerung an heiliger Stätte ein Ende zu bereiten. Aber jetzt – so erzählt die Legende – beugt sich Maria gütig über den Clown, um ihm den Schweiß von der Stirn zu wischen. Und sie lächelt nicht nur über den Clown, der Maria mit seinen Kunststückchen erfreuen wollte, sondern noch mehr über die verdutzten Gesichter der Mönche.
„Alles, was aus Liebe geschieht, gefällt Gott.“ Beginnen wir mit dem, was uns nahe liegt. Und niemand bekümmere sich durch das Gefühl, noch nicht weit genug vorangekommen zu sein im Gott-Lieben. Hauptsache, wir sind auf dem Weg – wie Martin Luther einmal gesagt hat:
„Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden,
nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden,
nicht ein Sein, sondern ein Werden,
nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.
Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber.
Es ist nicht getan oder geschehen,
es ist aber im Gang und im Schwang.
Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.
Es glüht und glänzt noch nicht alles,
es reinigt sich aber alles.       

Amen.