Bord-Pastorin der MS Deutschland

Gottes Botschafterin auf hoher See

Die Kielerin Annie Lander Laszig war Pastorin auf dem Traumschiff MS Deutschland. An Bord galt sie als Künstlerin. Sie erzählt von spektakulären Kreuzfahrten und einer traurigen Pflicht.

Bordpastorin Annie Lander Laszig auf dem Traumschiff MS Deutschland

von Thorge Rühmann

Kiel. Einen Augenblick lang steht sie versonnen da. Sie ist berührt, gerührt von der jahrhundertealten Ruine, die sie umgibt: ein Geviert von Kirchenmauern aus grob behauenen Natursteinen, mitten auf der kleinen Insel Hvalsø vor der Küste Grönlands. Hier wurden bis 1408 nach Christus Wikinger, die damals auf Grönland siedelten, getauft. Hier heirateten junge Paare, fanden in der rauen Natur des Nordens, bedroht von Eisbergen, Hunger und Polarstürmen, Trost und Hoffnung beim christlichen Gott.
All das wusste Pastorin Annie Lander Laszig schon lange vorher. Sie ist geborene Dänin, sie hat ein Faible für den Norden und ein großes Fachwissen rund um Grönland. Doch nun steht sie selbst in der Ruine, und sie fühlt eine Faszination, die schwer zu beschreiben ist. Rund um sie herum stehen und sitzen Dutzende Menschen. Sie warten andächtig auf eine Predigt, nach der ein Streicherquartett klassische Musik spielen wird. Es sind Kreuzfahrtpassagiere und Crewmitglieder der MS Deutschland, die die Schiffsreise in den hohen Norden gebucht haben und nun einen Landgang unternehmen. Jetzt redet Annie Lander Laszig, erzählt von den Wikingern, den Naturgewalten, dem Glauben. Jetzt folgt sie ihrer Berufung – und ihrem Beruf: Mehr als 20 Jahre lang war sie Pastorin an Bord von Kreuzfahrtschiffen, viele Jahre davon auf der MS Deutschland, dem aus dem Fernsehen bekannten „Traumschiff“.

Die Welt per Schiff erkundet

Die Szene auf Hvalsø ist schon etliche Jahre her. „In dieser Ruine habe ich mehrfach mit den Gästen der MS Deutschland eine Andacht gehalten – für mich war das stets ein außergewöhnliches Erlebnis“, sagt Annie Lander Laszig. Es zählt zu ihren schönsten Erinnerungen an eine außergewöhnliche Zeit. Nun berichtet sie erstmals darüber. Sie sitzt in einem Zimmer im Kieler Stadtteil Düsternbrook: vornehme Häuser, Parks mit hohen Buchen, die Förde ist nicht weit weg. Annie Lander Laszig erzählt in der Bibliothek ihres Hauses von ihrer Zeit an Bord des Traumschiffs.
Sie ist sehr herzlich, redet dabei mit frischem Charme, eine jung gebliebene 70-Jährige. Sie spricht über ihre Reisen in alle Welt. „Eigentlich gibt es keinen Erdteil, den ich nicht mit dem Schiff besucht hätte“, sagt Annie Lander Laszig ganz nüchtern. Das Traumschiff trug die bis zu 520 Passagiere auf allen sieben Weltmeeren nach Bangkok, Thule, Miami, in die Ägäis, rund um Afrika bis zum gefühlten Kontrapunkt von Hvalsø: nach Manaus mitten in Südamerika. Es könnte einem schwindelig werden: Annie Lander Laszig beschreibt nach arktischer Kälte nun die tropische Hitze der Metropole mitten in Brasilien, das quirlige Leben und Treiben im Hafen, die faszinierende Oper fast „im Dschungel“, den Markt. „Dort bieten die Händler wirklich alles, was man sich nur vorstellen kann.“

„Eine einzigartige Stimmung an Bord“

Als Seelsorgerin war sie von Beginn an auf der MS Deutschland dabei. Die erste Kreuzfahrt 1998 ging nach Norwegen, die letzte fand im November 2014 statt. Da hatte die Reederei Peter Deilmann aus Neustadt in Holstein schon den Insolvenzantrag gestellt. Anfang 2015 wurde die Crew entlassen, im März 2015 wurde das traditionsreiche Schiff schließlich an eine US-Reederei verkauft. Für Annie Lander Laszig liegen dazwischen nicht nur Dutzende einzigartige Kreuzfahrten, sondern auch zahlreiche Erlebnisse und Gespräche mit Passagieren und Crew an Bord. „Ein ganz besonderes Feeling, eine einzigartige Stimmung“ unter der Crew und den Stammgästen habe es gegeben, so die Pastorin. Alle hätten Wert darauf gelegt, dass ein Pastor an Bord war. „Wenn ich an Bord ging, war das, als würde ich nach Hause kommen“, beschreibt Annie Lander Laszig die Vertrautheit untereinander.
Doch wer reiste überhaupt mit der MS Deutschland? Vor allem Ehepaare und alleinstehende, allein reisende Damen, so die Pastorin. Sie betreute viele der Passagiere, hörte zu, wenn die Rede auf familiäre Probleme kam, über Schwiegersöhne, Kinder und Enkelkinder gesprochen wurde. Immer wieder drang die Einsamkeit zwischen den Sätzen hindurch. „Es ging nicht so sehr darum, einen Rat zu geben – die meisten Frauen wollten einfach nur jemanden haben, der ihnen zuhört“, beschreibt die Seelsorgerin ihre Arbeit. „Für eine 80-Jährige hielt ich, auf besonderen Wunsch hin, ganz für sie allein eine Andacht“, erinnert sich Lander Laszig mit einem Schmunzeln. Die seelsorgerischen Gespräche mit Männern handelten dagegen häufig von persönlichen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg. „Da war es von Vorteil, dass ich aus Dänemark stamme – aus irgendeinem Grund war das dann viel einfacher für meine Gesprächspartner, sich zu öffnen“, so Lander Laszig.

Andacht passte immer zur Route

„Ich habe viel Wert darauf gelegt, dass die Andachten etwas Besonderes sind, etwas anderes als zu Hause“, erläutert Annie Lander Laszig. Es habe sehr schöne, auch sinnliche Gottesdienste mit Harfenmusik gegeben an Bord. Es steckt etwas Wehmut in ihrer Stimme, als sie erläutert, dass sie Andachten stets in Verbindung mit dem jeweiligen Reiseziel gestaltete. Ging die Fahrt in den hohen Norden, waren Naturgewalten das Thema, war das Schiff unterwegs in den Orient und ins Rote Meer, ging es auch schon mal um Öl oder Gold. Christliche Bezüge ließen sich viele finden im Alltag auf dem Schiff: Sie sprach unter anderem über die Themen Zeit, Urlaub, Unterwegssein, die Frage nach dem Weg, über so unterschiedliche Lebensräume wie Meer und Wüste.
Die Gottesdienste wurden zunächst im sonst als Kino genutzten Raum abgehalten. Später fanden die Andachten auf der sogenannten Lido-Terrasse, einer im Stil der 1920er-Jahre eingerichteten Bar, statt. Das Schiff war durch und durch in diesem Stil gehalten – eine Besonderheit, die viele der Stammgäste unter den Passagieren sehr schätzten. „Jeder Raum war gelungen eingerichtet und etwas Besonderes für sich“, erinnert sich die Pastorin. Amüsiert berichtet sie, dass sie als Seelsorgerin zum Künstlerteam zählte. „Am ersten Abend an Bord gab es ein Meeting der Artisten – da hat man sich miteinander bekannt gemacht und erste Kontakte geknüpft.“

Ein schlimmes Erlebnis

Auch zum Kapitän Andreas Jungbluth hatte Lander Laszig ein gutes, lockeres Verhältnis. „Er ist ein aufgeschlossener Mensch. Den konnte man alles fragen, was man auf dem Herzen hatte.“ Entgegenkommend, lustig, ein wenig ironisch sei er gewesen, schildert sie: „Eigentlich typisch dänisch.“ Sie begegnete dem Seebären und Duz-Freund auf zahllosen Kapitänsdinnern.
Auch eines der schlimmsten Erlebnisse mag Annie Lander Laszig nicht verschweigen. Sie musste als Bordseelsorgerin einer Stewardess mitteilen, dass deren Eltern in Wien ermordet worden waren. Das Schiff kreuzte gerade vor der kanadischen Küste, als der Funkspruch hereinkam. „Wir wurden in einen kleinen Hafen der Inuit ausgebootet. Zwei Tage lang saßen wir dort wegen schlechten Wetters fest. Ich hatte sie auf Wunsch des Kapitäns begleitet.“ Insgesamt dauerte die Reise nach Europa und in die Heimat der Stewardess mehrere Tage, in denen sich Lander Laszig intensiv um die Psyche der jungen Frau kümmerte. Noch mehrere Jahre danach hielten die Seelsorgerin und die Frau Kontakt zueinander.
All das berichtet Annie Lander Laszig in ihrer mit Reisebüchern und historischen Bänden gut sortierten Bibliothek. Sie blickt auf ein Leben voller Abenteuer und neuer Erfahrungen – zu denen noch immer neue kommen, denn sie bleibt aktiv: Sei es als „Goodwill-Botschafterin“ für Kopenhagen, sei es als Trägerin des dänischen Dannebrog-Ordens und des Bundesverdienstkreuzes, sei es als Reiseleiterin auf Kreuzfahrtschiffen. Täglich geht sie frühmorgens los und nimmt ein Bad in der Förde – ob Sommer oder Winter. Sie sagt: „Ich könnte nicht ohne das Meer leben. Am Strand gehen und auf das Meer schauen: man ist dann so nah an Gott.“

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