Insel-Seelsorgerin im Interview

Glaubt man auf Helgoland anders, Frau Pastorin?

Seit vier Jahren betreut die Pastorin Pamela Hansen (44) die 800 Mitglieder große St.-Nicolai-Gemeinde auf Helgoland. Im Interview spricht sie über ihre Gemeinde auf der Nordsee-Insel und verrät, warum sie sich dem Himmel näher fühlt.

Pamela Hansen mit Jessie, ihrer Schäferhund-Huskymix-Hündin

Frau Hansen, glaubt man auf einer Insel anders?
Pamela Hansen: Glaubensinhalte betreffend, denke ich, dass es hier nicht viel anders ist als auf dem Festland oder im Binnenland. Vielleicht gibt es ein etwas beharrlicheres Festhalten an bestimmten Sichtweisen. Ich habe den Eindruck, dass hier noch stärker auf Traditionen Wert gelegt wird. Und die Seefahrt spielt natürlich immer eine Rolle, auch in Glaubensdingen.
Woran machen Sie das fest?
Mir fallen da die Votivschiffe ein, die in unserer Kirche hängen und die von Kapitänen gestiftete Zeichen des Dankes an Gott für Schutz oder die Rettung aus Seenot sind. Diese Tradition lebt noch: Vor knapp drei Jahren erst haben wir ein neues Votivschiff bekommen, ein Modell des Bäderschiffes „Atlantis“.
Hat das Leben auf einer Insel Auswirkungen auf die Frömmigkeit der Gemeinde?
Dass hier mehr gebetet wird, weil wir den Elementen so ausgesetzt sind, habe ich nicht erlebt. Die Frömmigkeit hier scheint mir genauso viel oder wenig vorhanden zu sein wie auf dem Festland. Hier ist sie saisonbedingt nur anders aufgeteilt. Im Winter sehe ich mehr Insulaner im Gottesdienst und in anderen kirchlichen Veranstaltungen als im Sommer, weil dann Zeit dafür ist.
Wie geht es Ihnen persönlich?
Ich habe bei mir selbst schon festgestellt, dass mich diese Insel zu mehr Spiritualität inspiriert. „Hier fühlt man sich dem Himmel näher“, ist ein Satz, den ich hier häufig höre, allerdings mehr von Feriengästen und Besuchern als von den Insulanern. Auch in mir finde ich dieses Gefühl wieder. Vielleicht liegt es an den vielen ruhigen Orten, die zur inneren Einkehr einladen. Es gibt einige Stellen am Klippenrandweg, an denen ich auf meinen Spaziergängen mit dem Hund eine Pause einlege, aufs Meer schaue und ein stilles Gebet spreche. Einmal monatlich erteile ich einen Heilungssegen mit Salbung und Handauflegungen im Sonntagsgottesdienst.
Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Helgoland gezogen?
Ich hatte befürchtet, dass es mir zu eng werden würde.
Und? Ist es so gekommen?
Nein. Ich hatte gehofft, dass gerade durch den sehr begrenzten Raum mehr Nähe zu den Menschen hier möglich ist. Das hat sich bewahrheitet, und ich genieße es sehr. Natürlich hat das auch Schattenseiten. Als Pastor lebt man ohnehin schon auf dem Präsentierteller, und hier verstärkt sich das um ein Vielfaches. Das geht allerdings jedem hier so. Jeder weiß von jedem immer alles. 
Ihre Gemeindekirche trägt den Namen des Heiligen Nikolaus. Inwiefern hat diese Namensgebung Auswirkung auf Ihre Arbeit?
Als Schutzpatron der Seefahrer ist der Heilige Nikolaus sehr präsent in der Gemeinde. Im vergangenen Jahr habe ich am ersten Advent ganz bewusst über unseren Namenspatron gepredigt. Die Weihe unserer Kirche fand 1959 auch am ersten Advent statt. Am 5. Dezember gehen die Kinder hier „umlaufen“, was vergleichbar ist mit der Tradition des „Rummelpottlaufens“ oder mit dem Umherziehen der Kinder an Halloween. Auch bei uns sind sie verkleidet, singen Nikolauslieder, oft sogar auf Helgoländisch, und sammeln Süßigkeiten.
Inwiefern ist Nikolaus als Schutzpatron der Seefahrer auf Helgoland präsent?
Es gibt viele Seebestattungen und einmal im Jahr einen Gottesdienst im Gedenken an die Seebestatteten. Ich habe guten Kontakt zu den Seenotrettern und immer wieder mit Kapitänen zu tun. Da taucht natürlich auch der Nikolaus als Vorbild auf. Allerdings würde ich vermuten, dass es eigentlich anders herum ist: Das durch die Seefahrt geprägte Gemeindeprofil hatte Auswirkungen auf die Namensgebung der Kirche.
Wie gestaltet sich Ihr Arbeitstag? Gibt es Unterschiede im Vergleich zu einem Pfarramt auf dem Festland?
Ja, die gibt es. Ich kann mich nicht mal eben ins Auto setzen, um an einem Konvent der Pastoren, einem Kirchspieltreffen oder einem Partnerschaftstreffen teilzunehmen. Wenn alles gut klappt, ist es für mich nur eine Tagesreise: morgens mit dem Flugzeug aufs Festland, abends wieder zurück. Manchmal muss ich auch über Nacht drüben bleiben. Mir ist es auch schon passiert, dass ich witterungsbedingt ein paar Tage auf dem Festland festsaß. Oder auf Helgoland. Zum Glück gibt es die moderne Technik, die es mir ermöglicht, bei Treffen per Videokonferenz dabei zu sein. Eine Beisetzung musste ich aber mal kurzfristig verschieben, weil Urne und Angehörige wegen des schlechten Wetters Helgoland nicht erreichen konnten. Termine sind hier also nicht in Stein gemeißelt.
Die Fragen stellte Bruder Franziskus Aaron vom Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin.

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