Deutschlands nördlichster Fjord

Getrübte Idylle an der Schlei

Die Schlei ist beliebt bei Seglern, Radfahrern und Spaziergängern. Bekannt wurde der Ostseearm durch die Fernsehserie "Der Landarzt". Ökologen allerdings bereitet Deutschlands nördlichster Fjord schon seit längerem Sorgen.

Strand bei Ulsnis an der Schlei in Schleswig-Holstein

von Nadine Heggen

Schleswig. Schon die Wikinger wussten die Vorzüge der Schlei zu schätzen. Vor 1.000 Jahren schipperten sie von ihrem großen Handelszentrum in Haithabu bei Schleswig über den 42 Kilometer langen Meeresarm hinter Kappeln auf die Ostsee – und von dort aus in alle Welt. Heute ist die Schlei keine Handelsstraße mehr. Stattdessen zieht Deutschlands nördlichster Fjord im Sommer Touristen an. Große Hotels und Party-Hotspots findet man an der Schlei aber nicht. Stattdessen prägen kleine Dörfer, unberührte Ufer und versteckte Badestellen das Landschaftsbild. Doch ein Bad in der Schlei ist nicht ungetrübt.

In Schleswig, wo die Schlei beginnt, sitzen gleich zwei Institutionen, die den Fjord im Fokus haben: Der Naturpark Schlei ist für den Erhalt des Küstengewässers als funktionierendes Ökosystem zuständig. Die Ostseefjord Schlei GmbH will Touristen in die Region locken. Beide teilen sich einen Geschäftsführer. Ein Interessenkonflikt bestehe aber nicht, betont Andrea Simons von der Ostseefjord Schlei GmbH. „Wir leben alle gerne an der Schlei und möchten die Natur hier erhalten“, sagt die Marketingleiterin.

So bewirbt die Tourismusagentur, die 500 Vermieter mit 1.000 Wohneinheiten in der Vermittlung hat, das skandinavische Flair der Region. „Bewusst da“ ist das Motto der aktuellen Kampagne. Zielgruppe sind Familien und „Bestager“, die auf Ruhe und Entschleunigung im Urlaub setzen. „Halligalli mit großen Sangria-Eimern gibt es bei uns nicht“, sagt Simons. In den Sommerferien liegt die Bettenauslastung bei 90 Prozent. Auch zu Ostern sind die Ferienwohnungen rund um die Schlei gut gebucht.

Fernsehserie „Der Landarzt“ machte Region bundesweit bekannt

Zur Prominenz der Region hat „Der Landarzt“ beigetragen. 26 Jahre lang betreuten die Darsteller der ZDF-Fernsehserie ihre Patienten in „Deekelsen“. Das fiktive Dorf setzte sich aus mehreren Orten an der Schlei zusammen. Kappeln etwa gehörte dazu, das mit dem historischen Heringszaun und dem Museumshafen zu den maritimen Perlen gehört. Eine moderne Klappbrücke verbindet dort die Landschaftsteile Angeln und Schwansen an beiden Ufern der Schlei.

Sehr viel hübscher ist allerdings die historische Schlei-Brücke von Lindaunis, auf der neben dem Pkw- auch der Zugverkehr rollt. Jede Stunde um „Viertel vor“ klappen sich in Kappeln und Lindaunis die Fahrbahnen hoch und lassen die Segelschiffe durch. Autofahrer müssen im Sommer auch mal 20 Minuten warten, bis das letzte Schiff durch ist. Jedes Jahr zu Himmelfahrt feiern die Kappelner mit den „Heringstagen“ ein viertägiges Volksfest. Überhaupt spielt der Fisch an der Schlei eine große Rolle. Neben den Heringen schwimmen Plattfische und Aale durch den Meeresarm.

Deutschlands nördlichster Fjord auch Sorgenkind

Anne-Louise Fritz vom Naturpark Schlei wünscht sich jedoch eine größere Artenvielfalt. Für Ökologen ist der idyllische Meeresarm der Ostsee schon seit vielen Jahrzehnten ein Sorgenkind. Nach Kriterien der EU ist die Wasserqualität schlecht. Hohe Nährstoffeinträge durch Industrie und Landwirtschaft sind der Grund für Faulschlamm. Vor zwei Jahren hat ein Abfallverwerter mit Plastik zersetzte Lebensmittelabfälle an die Schleswiger Stadtwerke geliefert. Weil das Plastik von der Kläranlage nicht herausgefiltert werden konnte, landete es in der Schlei. „Die grobe Reinigung ist abgeschlossen. Aber das Mikroplastik bleibt im Wasser“, sagt Fritz.

Die Schlei ist in der Weichsel-Eiszeit vor etwa 100.000 Jahren durch Schmelzwasser entstanden. Anders als ein Fluß hat sie keine Fließrichtung. Lediglich drei Meter ist sie tief, aber dafür sehr lang. Dadurch ist der Wasseraustausch mit der Ostsee gering, besonders für die innere Schlei bei Schleswig. Begrünte Schutzstreifen zwischen Landwirtschaft und Schlei sollen künftig dafür sorgen, dass zumindest Chemikalien von den Äckern nicht mehr ungefiltert ins Wasser gelangen.

Baden ist aber trotzdem erlaubt – etwa am Naturstrand in Arnis, mit knapp 300 Einwohnern die kleinste Stadt Deutschlands. Auch das entschleunigende „Stand-Up-Paddling“ (Stehpaddeln) ist inzwischen als Trend an der Schlei angekommen. „Selbst in der Hauptsaison ist das am Haddebyer Noor möglich, ohne jemand anderen zu treffen“, sagt Simons.

Die Urlauber selbst sind daran interessiert, dass das auch in Zukunft so bleibt. So ist Simons von Schlei-Fans schon gebeten worden, weniger Werbung zu machen. Nicht, dass die Schlei doch noch zur Touristen-Hochburg wird. (epd)

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