Gerechte Welt

Über wahren Reichtum und die Urgemeinde schreibt Pastor Tilman Baier. Er ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Kirchenzeitung MV.

Der Predigttext des kommenden Sonntags lautet: „Wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.“ aus Apostelgeschichte 4, 32-37

„Das letzte Hemd hat keine Taschen“ war ein beliebter Spruch unserer alten Nachbarin auf dem Dorf, wenn mal wieder ein etwas Wohlhabenderer zu Grabe getragen wurde. Und hatte sie nicht recht? In manchen unserer Kirchen hat ein Bilderzyklus aus dem späten Mittelalter die Zeiten überdauert, der dies illustriert: Ob Papst oder Kaiser, Bürger oder Bettelmann, sie alle müssen dem Gevatter Tod folgen und können nichts mitnehmen. Diese Zyklen entstanden vor allem nach den verheerenden Zügen der Pest durch Europa. Seuchen galten als die großen Gleichmacher, auch Reichtum schützte nicht wirklich vor ihnen.

Wie zerbrechlich das alltägliche Leben und die gewohnte öffentliche Ordnung sind, erleben auch wir gerade – aber in sehr unterschiedlichem Maße. Die zu Beginn der Corona-Pandemie geäußerte Hoffnung, dass unsere Welt danach sozialer und gerechter werden könnte, zerbröselt gerade angesichts der Fakten: Auch wenn das Virus vor allem von den Angehörigen der gehobenen Mittelschicht durch die Welt getragen wurde – am heftigsten trifft es die, die ohne ein ordentliches Gesundheitssystem auskommen müssen. Und Untersuchungen zeigen bereits jetzt, dass in den vergangenen Monaten die Schere zwischen den Einkommens-und Besitzklassen auch in Deutschland noch weiter ausein­ander gegangen ist.

Da ist es gut, dass die Apostelgeschichte uns erinnert, dass eine gerechte Verteilung der Güter und Chancen nicht vom Teufel ist, sondern vom Heiligen Geist. Dort wird sogar erzählt, dass nach dem Pfingstwunder in der nun entstehenden Gemeinde Jesu Christi ganz ohne Zwang kommunistische Zustände herrschten. Nicht umsonst haben Marx, Engels und christliche Sozialisten wie Christoph Blumhardt sich bei ihren sozialrevolutionären Überlegungen auf diese Urgemeinde berufen. Aber weil, wie Bertolt Brecht treffend meinte, der Kommunismus das Einfache ist, das so schwer zu machen sei, bleibt es die Aufgabe der Gemeinde Jesu, den Traum von einer gerechteren Welt wachzuhalten – nicht nur für ein Jenseits, sondern schon für Hier und Heute. Und vorzuleben.

Unser Autor
Pastor Tilman Baier ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Kirchenzeitung MV.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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