Doppelter Genuss in Coronazeiten

Gemeinsame Mahlzeiten als wichtiges Ritual

Gründonnerstag wird an das letzte Abendmahl Jesu erinnert. Wie die Bibel erzählt, hat Jesus oft mit anderen gegessen: Gemeinsame Mahlzeiten tun gut und stiften Gemeinschaft – gerade in Coronazeiten.

Leonie Klinkhammer, Anna Fäthe, Anna-Lena Lorenz und Elias Fäthe (v.li.) am abendlichen Essenstisch.

von Dieter Sell

Bremen/Hannover. In der geräumigen Wohnküche duftet es nach Staudensellerie, Paprika und Zwiebeln, dazu Chili, Zitrone, Lorbeer und Knoblauch. Auf dem Herd schmurgelt ein großer Topf mit „Gumbo“ aus der US-amerikanischen Südstaatenküche – ein würziger Eintopf, zu dem unbedingt Geflügel und gerne auch Meeresfrüchte und eine geräucherte Wurst gehören. Dazu gibt es heute Abend frisch gebackenes Maisbrot. Gleich wird serviert, der große Esstisch in der Bremer Vierer-WG von Anna und Elias Faethe, Leonie Klinkhammer und Anna-Lena Lorenz ist schon gedeckt.

„Gemeinsam essen, das ist für uns total der Ausgleich nach einem stressigen Arbeitstag“, schwärmt Anna-Lena und füllt auf. Und Anna bestätigt: „Der Austausch, die Pause: Wenn wir nicht zusammen essen würden, würde mir etwas fehlen.“

Tischgemeinschaft ist Markenzeichen von Jesus

Die Mahlzeit in Gesellschaft ist aber auch ein Ritual mit tiefen biblischen Wurzeln. So erinnern Christen in Abendmahl und Eucharistie an Jesus, der am Tag vor seinem Tod gemeinsam mit seinen Jüngern zum Abendessen zusammensaß. „Die Tischgemeinschaft ist ein Markenzeichen von Jesus. Er hat gern mit anderen zusammen gesessen und bei Essen und Trinken über Gott und die Welt gesprochen“, sagt die evangelische Theologin Margot Käßmann.

Miteinander essen lasse Nähe und Beziehungen wachsen, meint die frühere hannoversche Landesbischöfin und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): „All unsere ‚Essen to go‘ können niemals ersetzen, was entsteht, wenn wir ohne Druck beisammensitzen. Das Abendmahl symbolisiert diese Gemeinschaft.“ Wer sich auf ein gemeinsames Essen einlasse, erlebe oft Überraschendes: „Weil Menschen sich öffnen.“

Doppelter Genuss: Leckeres Essen und anregende Gesellschaft

So wird wohl nicht nur am Tisch der Vierer-WG in Bremen geplant und gelacht, den anderen zugehört, wenn sie etwas loswerden wollen. „Und manchmal ist unsere Mahlzeit Auftakt für einen langen und witzigen Abend, den wir zusammen verbringen“, berichtet Elias

Die Pandemie lasse solche Erfahrungen etwa mit Freunden schmerzlich vermissen, bedauert Käßmann. „Wir empfinden, wie sehr wir das schätzen, weil uns diese Begegnung ohne Tagesordnung und Zwang fehlt. Sie ist Teil unseres Menschseins, weil wir so Beziehungen pflegen.“ Der katholische Theologe und Kulinaristiker Guido Fuchs spricht in diesem Zusammenhang von einer „Zeremonie“ mit großem Wert. „Wer in Gemeinschaft isst, drückt das besonders Festliche des Tages aus“, meint der Experte des Hildesheimer Instituts für Liturgie- und Alltagskultur.

„Da sitzt der Schlipsträger neben dem Obdachlosen“

Das geht auch in großem Stil, wie sogenannte „Vesperkirchen“ in mehreren evangelischen Landeskirchen zeigen. Unter dem Motto „Gemeinsam zu Tisch“ waren beispielsweise in Hannover vor Corona schon mehrfach Menschen aller Altersgruppen zum Essen in die Kirche mit Kulturprogramm eingeladen. „Da sitzt der Schlipsträger neben dem Obdachlosen“, beschreibt Pastor Michael Schneider vom Stadtkirchenverband in Hannover: „Hier kommen Menschen zusammen, die sonst nirgendwo an einem Tisch zusammensitzen.“ Momentan müssen die Vesperkirchen aufgrund der Corona-Krise pausieren. Aber im Herbst soll es wieder losgehen.

Wie hilfreich das Essen im milieuübergreifenden Kontakt sein kann, hat 1910 schon der Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1858-1918) in einer Denkschrift zum Thema festgehalten: „Personen, die keinerlei spezielles Interesse teilen, können sich bei dem gemeinsamen Mahle finden – in dieser Möglichkeit, angeknüpft an die Primitivität und deshalb Durchgängigkeit des stofflichen Interesses, liegt die unermessliche soziologische Bedeutung der Mahlzeit.“

Eine besondere Bedeutung hat die gemeinsame Mahlzeit in Familien. „Kinder lernen am Tisch soziales Verhalten und bekommen ein Gefühl von Fürsorge und Geborgenheit“, sagt Wiebke von Atens-Kahlenberg, Ernährungsberaterin im Bremer Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. Überdies zeigten Studien, dass Kinder und Jugendliche beim gemeinsamen Essen in der Familie mehr Obst und Gemüse verzehrten. Tischgemeinschaft könne sich also auch positiv auf die Gesundheit auswirken.

Gemeinsame Mahlzeit als Fixpunkt in chaotischen Zeiten

Fragen nach der verkorksten Klausur oder dem Streit in der Kita sollten dabei lieber außen vor bleiben. „Besser die Gelegenheit zum Austausch in entspannter Atmosphäre nutzen“, rät die Expertin. „Besonders in der aktuell schwierigen Pandemiezeit, in der viele Eltern und Kinder mehr Zeit zu Hause verbringen, kann die gemeinsame Mahlzeit ein angenehmer Fixpunkt im momentan manchmal etwas chaotischen Tagesverlauf sein.“

Ein Fixpunkt, den auch die WG von Anna, Elias, Leonie und Anna-Lena in den vergangenen Corona-Monaten mehr noch als früher zu schätzen gelernt hat. „Wir setzen uns jetzt noch öfter zusammen“, sagt Elias. Und Leonie ergänzt: „Wenn geschnippelt, gekocht und dabei geschnackt wird, fühlt sich das richtig nach Familie an.“ Dazu passe das würzig-kreolische Gumbo perfekt, findet Anna-Lena. „Ein echtes Wohlfühlessen.“

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