Zur Flutkatastrophe im Westen Deutschlands

Gebot der Barmherzigkeit

Die spontane Hilfsbereitschaft vieler Menschen sei beeindruckend, schreibt Armin Wenzel. Er ist Leitender Militärdekan des Evangelischen Militärdekanats Kiel.

Zahlreiche Orte, wie hier Schuld (Rheinland-Pfalz), sind stark zerstört

Vor mehr als zwei Wochen ist eine Naturkatastrophe über den Westen Deutschlands hinweggefegt, die in ihren Ausmaßen tatsächlich historisch zu nennen ist. Regengüsse biblischen Ausmaßes haben Städte und Dörfer überflutet, haben Häuser und ganze Ortsteile weggerissen und mit ihnen zahllose Menschen, von denen manche bis auf den heutigen Tag immer noch vermisst werden. Viele Tote sind zu beklagen, und es fehlen den Betroffenen die Worte, oftmals sind es nur die Tränen, mit denen das unendliche Leid zum Ausdruck gebracht wird. Es wird Jahre brauchen, um die Häuser und die gesamte zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen.

Bei den Bildern der unvorstellbaren Zerstörung drängen sich mir solche aus der Endphase des Zweiten Weltkrieges auf: Bilder von vollkommen zerstörten Ortschaften nach dem Vorrücken der alliierten Truppen, sodass ich die Äußerungen mancher jetzt Betroffener vollkommen nachvollziehen kann, wenn sie diese Katastrophe als ihre persönliche „Stunde Null“ bezeichnen.

An der Grenze der Belastbarkeit

Ich möchte mich hier nicht zu den Ursachen der erschreckenden Flut äußern, auch nicht über mögliche Versäumnisse im Vorhinein. Mich beeindruckt die spontane Hilfsbereitschaft so vieler Menschen. Da sind zunächst einmal die Hilfs­organisationen, die bis an die Grenze der physischen und psychischen Belastbarkeit in den Stunden und Tagen­ nach der Katastrophe gearbeitet haben.

In diesem Zusammenhang muss auch die Bundeswehr genannt werden, die schnell mit schwerem Gerät vor Ort war, um Wege und Straßen frei zu räumen, Menschen aus ihren Häusern zu retten und zu versorgen. Dabei werden Soldat:innen von unseren Militärgeistlichen begleitet. Es gilt, die traumatisierenden Belastungen aufzufangen und zu helfen, ganz schwere Momente zu verarbeiten, wenn Leichen geborgen werden. Schnell wird die Not auch ganz handgreiflich und rückt nahe: Ein Militärseelsorger hat sein Haus verloren und steht nun wie so viele Andere ohne alles da. Ein anderer Militärseelsorger nimmt eine Offiziers­familie auf, die zwar ihr Leben retten konnten, vorerst aber weder Unterkunft noch Besitz haben.

16,5 Millionen gespendet – an einem Tag

Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist großartig und umwerfend! An einem einzigen Tag sind bei einer Spendengala der ARD 16,5 Millionen Euro zusammengekommen. An vielen Orten in Deutschland werden Zeltlager aufgebaut, in denen Kinder und Jugendliche aus den betroffenen Gebieten aufgenommen werden, um ihnen für einige Tage schöne Erfahrungen zu vermitteln und sie die harte Wirklichkeit in ihrer Heimat vergessen zu lassen. So wie ganz in meiner Nähe in Bosau am Plöner See, wo seit heute 45 Jugendliche aus Aachen eingeladen sind, eine sorglose Woche zu verbringen.

Die Federführung haben Ortsfeuerwehren, aber auch Hilfsorganisationen aus der Region übernommen. Und die Bundeswehr unterstützt mit Feldbetten und Schlafsäcken. Die Verpflegung liefert die Lehrküche der Marineunteroffizierschule in Plön, und wer die kennt, weiß, dass die Jugendlichen eine Woche lang hervorragend versorgt werden. Mich macht es froh und stolz, dass so viele Menschen angesichts der großen Not der Betroffenen helfen wollen, sei es mit Geld- oder Sachspenden, oder auch mit eigener Tatkraft. In solchen Momenten erfüllt sich das Gebot der Barmherzigkeit.

Unser Autor
Armin Wenzel ist Leitender Militärdekan des Evangelischen Militärdekanats Kiel.

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