Bundespräsident in Hannover

Gauck eröffnet „Woche der Brüderlichkeit“ mit klaren Worten

Eine Ausgrenzung Andersgläubiger verrate das christliche Abendland, sagt das Staatsoberhaupt zur Eröffnung der bundesweiten „Woche der Brüderlichkeit“. Sie soll das Verständnis von Juden und Christen fördern – und noch ein bisschen mehr.

Bundespräsident Joachim Gauck hat in Hannover die "Woche der Brüderlichkeit" eröffnet

von Michael Grau

Hannover. Mit einem Appell gegen Ausländerhass und Rechtsextremismus hat Bundespräsident Joachim Gauck in Hannover die "Woche der Brüderlichkeit" eröffnet. "Wer glaubt, das christliche Abendland mit der Herabsetzung Anderer, mit Ausgrenzung Andersgläubiger, mit Hassparolen oder gar Säuberungsfantasien verteidigen zu sollen, hat es schon verraten", sagte Gauck. Gleichzeitig wandte sich der frühere Pastor entschieden gegen Gewalt und Mord im Namen einer Religion.
Bei der Feierstunde im Theater am Aegi wurde zugleich der jüdische Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik aus Berlin mit der Buber-Rosenzweig-Medaille der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ausgezeichnet. Während der "Woche der Brüderlichkeit" finden bundesweit Veranstaltungen zur Verständigung zwischen Juden und Christen statt.

Käßmann ehrt Preisträger

Unter großem Beifall betonte Gauck, ein klares Profil und entschiedenes Bekenntnis zur eigenen Tradition, Kultur und Religion seien "vollkommen in Ordnung". Aber die wachsende Unbarmherzigkeit von selbst ernannten Verteidigern des christlichen Abendlandes, die sich längst nicht mehr nur verbal äußere, "können wir nicht akzeptieren", sagte der Bundespräsident vor rund 1.000 Festgästen. Die "Woche der Brüderlichkeit" kann für Gauck noch ein bisschen mehr leisten: Er äußerte die Hoffnung, dass beim Dialog zwischen Christen und Juden zunehmend auch muslimische Gesprächspartner einbezogen würden.
In ihrer Laudatio auf den Preisträger Micha Brumlik würdigte die evangelische Theologin Margot Käßmann den jahrzehntelangen Einsatz des 68-Jährigen für eine Verständigung zwischen Juden und Christen. Brumlik sei wie ein "Seismograph für die Suche nach jüdischer Identität in Deutschland nach der Schoah". Als unermüdlicher Mahner und streitbarer Querdenker habe er auch mit unbequemen Äußerungen dazu beigetragen, die jüdische Position in der deutschen Mehrheitsgesellschaft sprachfähig zu machen.
Auch mit Kritik an den Kirchen habe er nicht gespart. "Wenn allzu viele allzu schnell vergessen, legt Brumlik den Finger in die Wunde", betonte die EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017. Bei alldem habe Brumlik jüdisches Denken und Handeln für Christen zugänglich gemacht.

Was hinter der "Woche der Brüderlichkeit" steckt

Brumlik warnte bei der Preisverleihung vor einem Einzug rechtspopulistischer Parteien in deutsche Parlamente: "Wir müssen alle zivilgesellschaftlichen Kräfte aufbieten, damit diese Kräfte so schwach wie möglich bleiben." Auch dürfe das jüdisch-christliche Gespräch kein Thema bleiben, das nur seine Generation berühre: "Wir sollten alles dafür tun, um jüngere Menschen dafür zu gewinnen." Brumlik wurde 1947 im schweizerischen Davos geboren und lehrte als Professor für Erziehungswissenschaft in Hamburg, Heidelberg, Frankfurt/Main und Berlin.
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) warnte vor einer neuen Art von Fremdenfeindlichkeit. In vielen Fällen mischten sich Ausländerhass und Antisemitismus "zu einem gefährlichen Gebräu". Allerdings dürfe es keine Toleranz gegenüber einem importierten Antisemitismus kommen, mahnte Weil mit Blick auf zugewanderte Muslime: "Antisemitismus ist immer falsch, egal wann, wo und wie er sich äußert."
Die "Woche der Brüderlichkeit" wird seit 1952 jedes Jahr von den rund 85 Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Deutschland veranstaltet. Sie steht in diesem Jahr unter dem Motto "Um Gottes Willen". Die undotierte Buber-Rosenzweig-Medaille erinnert an die jüdischen Philosophen Martin Buber (1878-1965) und Franz Rosenzweig (1886-1929). (epd)

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