Günter-Grass-Haus in Lübeck zeigt Fotografien von Orhan Pamuk

Foto-Serien wie ein Comic-Strip

Seit seiner Jugend fotografiert der Schriftsteller Orhan Pamuk. Zwei Reihen mit Aufnahmen seiner Heimatstadt Istanbul sind jetzt im Lübecker Günter-Grass-Haus zu sehen.

Aus der Serie "Orange"

von Julia Fischer

Lübeck. Der türkische Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk ist auch ein begabter Fotograf: Die neue Ausstellung im Lübecker Günter-Grass-Haus präsentiert seine Reihen „Balkon“ und „Orange“. „Wir zeigen gern Künstler mit einer Doppelbegabung – ähnlich wie Grass selbst“, sagte Jörg-Philipp Thomsa, Leiter des Grass-Hauses. Die Fotos entstanden auf dem Balkon von Pamuks Wohnung mit Blick auf den Bosporus sowie in den engen Gassen seiner Heimatstadt.

Pamuk setze sich beim Fotografieren mit den Veränderungsprozessen in Istanbul auseinander, sagte Gerhard Steidl, Verleger und Kurator der Ausstellung. Die Fotos seien eine „Schule für die Augen“. Der Besucher werde belohnt „mit Erkenntnissen, die man sonst so nicht in den Nachrichten über die Stadt sieht“.

Zur Kamera gegriffen

Im Winter 2012 habe Pamuk „nicht gewusst, was er als nächstes schreiben soll“, sagte Steidl. Pamuk habe zur Kamera gegriffen und versucht, Impressionen der Metropole einzufangen. Es entstanden rund 8.500 Aufnahmen, eine Auswahl von 650 Stück bildete später die Grundlage für den Bildband „Balkon“ (2018). Zu sehen sind etwa vorbeifahrende Schiffe, düstere Wolkenformationen und immer wieder die Silhouette der Stadt im Morgennebel.

Für „Orange“ (2020) streifte Pamuk durch die engen Gassen von Istanbul. Die Aufnahmen sind geprägt vom orangen Licht der alten Straßenlaternen. „Die Verzauberung durch die alten Gaslampen ist fast magisch“, so Steidl. Pamuk habe versucht, das ihm seit seiner Kindheit vertraute orangefarbene Licht auf den Straßen einzufangen, das zunehmend in grelles Neonlicht und den Schein kalter LED-Lampen übergeht. Motive auf den Fotos sind häufig Kinder, Hunde und alltägliche Szenen vor kleinen Läden.

„Eingefrorene Zeit“

Pamuk wollte in jungen Jahren eigentlich Künstler werden. Mit der Fotografie begann er mit 17 Jahren. „Auch wenn er inzwischen hauptberuflich Schriftsteller ist, ist Pamuk kein Amateur-Fotograf“, so Steidl. Er fotografiere mit hoher handwerklicher Qualität. Für Pamuk sei Fotografie „eingefrorene Zeit“. Beim Betrachten der Aufnahmen begegne man der Vergangenheit.

Die Darstellung der Fotos im Günter-Grass-Haus beschreibt Steidl als „ähnlich einem Comic-Strip“. Man könne sie von vorn oder von hinten, horizontal oder vertikal ansehen. Alle Bilder des jeweiligen Bildbandes wurden für die Ausstellung an die Wand gebracht – insgesamt mehr als 800. Speziell und hochwertig gedruckt, wurden nur einige Motive vergrößert. Ergänzt wird die Ausstellung durch vier Videos. An sechs Lesetischen können Besucher auch direkt in den Bildbänden blättern.

Interkulturelles Projekt

Die Schau war bereits in anderen Städten zu sehen, wurde aber intensiv für das Günter-Grass-Haus kuratiert, so Museumsleiter Thomsa. Die Ausstellung ist ein interkulturelles Projekt, Flyer und Plakat wurden auf deutsch und türkisch gedruckt. Sie dauert bis 31. Januar 2021.

Pamuk gilt als einer der international bekanntesten Autoren der Türkei. Er wurde 2006 als erster türkischer Schriftsteller mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Pamuk ist auch Ehrendoktor der Freien Universität Berlin. Er lebt in Istanbul. (epd)

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