Hamburger Seniorinnen testen digitalen Blindenhund

Fernbedienung statt Hundeleine

Den bundesweit ersten digitalen Blindenführhund haben Bewohnerinnen der Augustinum-Seniorenresidenz jetzt gestet. In ein paar Jahren soll er seinem tierischen Vorbild Konkurrenz machen.

Im Garten unterwegs: Waltraud Pulkenat mit ihrem Shared Dog

von Evelyn Sander

Hamburg. Er braucht keine Leckerlies, bellt nicht und kuscheln lässt er sich auch nicht. Der digitale Blindenhund der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg (HAW) macht einfach nur seinen Job: Langsam steuert Waltraud Pulkenat mit dem „Shared Guide Dog“ durch den Garten der Augustinum-Seniorenresidenz in Ottensen. Neben ihr wird noch per Fernbedienung die Geschwindigkeit gesteuert. Es ist der erste Testlauf auf den Kieswegen im Garten. Die 94-Jährige lächelt: „Es fühlt sich richtig gut an.“

Seit zwei Jahren entwickeln die Forscher der HAW den digitalen Führhund, der wie ein fahrerloses Transportfahrzeug funktioniert. Er basiert auf einem Geländerollator, der elektronisch angetrieben wird und mit Sensoren ausgestattet ist. „Wenn Kinder plötzlich den Weg kreuzen, muss der Guide Dog automatisch abbremsen“, erklärt Initiator und Projektleiter Henner Gärtner über sein bundesweit einzigartiges Projekt.

Auch abseits der Straßen unterwegs

Eine Herausforderung sei die Navigation in der Stadt. Schließlich soll der digitale Blindenhund auch abseits der Straßen auf nur spärlich gekennzeichneten Parkwegen navigieren können. „GPS funktioniert in der Nähe hoher Gebäude nicht zuverlässig genug“, so der HAW-Professor, der deshalb mit seinem Forscherteam eine Lösung via Smartphone und speziellen Karten für Sehbehinderte ausgetüftelt hat.

Rezept für Regentage

Dass unter der grauen Haube des Guide Dogs so viel Technik steckt, finden die Seniorinnen richtig gut. „Er ist nicht so leicht wie mein normaler Rollator, mit dem ich letztens umgekippt bin“, sagt Testerin Roswitha Howar. Waltraud Pulkenat kommt es darauf an, dass sie mit dem Gerät Bus fahren kann. „Kein Problem, so schwer ist er auch nicht“, sagt Gärtner, der im nächsten Schritt Kameras anbauen will. „Wir wollen, dass das Gerät Pfützen auf dem Weg erkennt und automatisch umfährt.“ Schließlich gebe es 195 Regentage pro Jahr in Hamburg.

Das Projekt läuft bis Ende 2023. Wenn die Technik ausgereift ist, soll der digitale Blindenhund ähnlich wie Sharing-Fahrräder an öffentlichen Plätzen, Bahnhöfen, Krankenhäusern oder in Seniorenresidenzen oder Wohngruppen stehen, um blinde oder seheingeschränkte Menschen zu unterstützen. „Wir wollen ihnen mehr Freiheit und Eigenständigkeit ermöglichen“, sagt Gärtner. Der digitale Hund vermittle Sicherheit bei Spaziergängen oder könne auch jemanden von der nächstgelegenen U-Bahn-Station abholen.

Pflegeleichte Alternative

Die digitale Variante soll eine pflegeleichte Alternative zum tierischen Blindenhund werden. Der Bedarf sei groß. Für bundesweit rund eine Million blinder Menschen gebe es lediglich 2.500 Blindenhunde, so das Forscherteam. „Noch dazu kostet ein Tier aus guter Zucht rund 30.000 Euro und nicht jeder Mensch mit Sehbeeinträchtigung kann oder möchte Hundehalter werden“, sagt Gärtner, der den Preis für den „Shared Guide Dog“ auf 10.000 Euro schätzt.

Im Laufe des Praxistests wird das Forscherteam weiter an Verbesserungen feilen. Waltraud Pulkenat hat schon eine Idee. Ihr ging der betreute Testlauf schlicht zu langsam voran: „Das nächste Mal will ich schneller gehen“, sagt sie und lacht. (epd)

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