Heilige Drei Könige im Ulmer Münster

EKD-Kulturbeauftragter: Debatte um schwarze Krippenfigur „überdreht“

In diesem Jahr werden die Könige nicht in der Krippe aufgestellt. Die Melchior-Figur könne rassistische Klischees ansprechen, mit wulstigen Lippen und Goldreifen am Knöchel.

Die umstrittene Melchior-Figur der Krippe im Ulmer Münster

von Stephan Cezanne

Hamburg. Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, hat in der Debatte um die schwarze Krippenfigur in Ulm (Baden-Württember) zur Sachlichkeit aufgerufen. Die mediale Erregung darüber sei „abseitig und völlig überdreht“, sagte der Hamburger Theologe dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dagegen sei die Entscheidung der Kirchengemeinde des Ulmer Münsters, nun in Ruhe über den Umgang mit der Figur des Königs Melchior nachdenken zu wollen, klug und vernünftig. Claussen warnte im Umgang mit heute anstößigem historischen Erbe generell vor Überreaktionen.

Im Ulmer Münster werden die „Heiligen Drei Könige“ dieses Jahr nicht wie üblich vor Weihnachten in der Krippe aufgestellt. Die darin enthaltene Melchior-Figur sei mit ihren wulstigen Lippen, ihrer Körperfülle und ihrem Goldreifen an den nackten Fußknöcheln so geschaffen, dass sie rassistisch geprägte Stereotype anspreche, so der Ulmer evangelische Dekan Ernst-Wilhelm Gohl. Dies hatte eine Debatte darüber ausgelöst, ob die Darstellung des Königs klischeehaft oder diskriminierend ist.

Lehrreiche Anstößigkeiten

Ältere Kunst entspreche „nicht immer unseren heutigen Wertvorstellungen“, sagte Claussen. Man müsse sich den „Anstößigkeiten aussetzen, das ist immer lehrreich. Wir dürfen diese nicht ausradieren, sondern müssen uns dazu in ein reflektiertes Verhältnis setzen.“ Beispiel in den Kirchen sei etwa die für Juden abwertende Gegenüberstellung von Kirche und Synagoge, „auch ein klassisches Motiv der mittelalterlichen Kunst“.

Johann Hinrich Claussen Foto: Norbert Neetz / epd

Die Figur sei vor 100 Jahren zu einer Zeit erschaffen worden, als man oftmals noch gar keine eigene Anschauung von schwarzen Menschen hatte, fügte Claussen hinzu. „Deshalb ist sie so karikaturenhaft geraten.“ Das mag früher kein Problem gewesen sein, „heute aber gibt es in der Gemeinde und in der Stadt Ulm viele Menschen, die schwarz sind. Da stellt sich die Frage, ob solch eine Krippenfigur die Andacht fördert oder stört“. Generell müssten Betroffene bei solchen Fällen immer mit eingebunden werden, das passiere aber schon in Kirchen oder Museen, die sich mit ihren kolonialen Gegenständen auseinandersetzen müssen.

„Großer Schwachsinn“

„Großer Schwachsinn aber ist, dass einige Medien versuchen, aus der Ulmer Geschichte einen Skandal zu machen, und aufgeregt berichten, dass an Heiligabend in Ulm die Weihnachtsgeschichte nach Lukas gelesen wird, weil darin die Heiligen Drei Könige nicht vorkommen“, so Claussen. „An Heiligabend wird im Gottesdienst immer die Weihnachtsgeschichte nach Lukas vorgelesen, die nach Matthäus ist erst am 6. Januar dran.“ Diese „politisch inkorrekte Überreaktion“ zeige nur, dass die „meisten Menschen, sogar vermeintlich konservative, mit christlichen Traditionen gar nicht mehr vertraut sind und deshalb beim kleinsten Kram durchdrehen“.

Obwohl immer von den Heiligen Drei Königen gesprochen wird, ist in der Bibel nicht von ihnen die Rede. Das Matthäus-Evangelium überliefert, dass Weise oder Sterndeuter aus dem Morgenland zur Krippe kamen, um Jesus anzubeten. Dass es sich um drei gehandelt haben soll, wurde aus der Zahl und der Kostbarkeit der Geschenke – Gold, Weihrauch und Myrrhe – abgeleitet. Die Namen Caspar, Melchior und Balthasar erhielten die drei „Könige“ wohl um das 8. Jahrhundert herum. Später wurde einer von ihnen, oft Caspar, mit dunkler Hautfarbe dargestellt. (epd)

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