Einsichten – die christliche Kolumne

Trost in der Bedrängnis

Über die Herrlichkeit Gottes schreibt Viviane Schulz. Sie ist Pastorin in Abtshagen-Elmenhorst (Pommern).

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: „Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit.“ aus 2. Korintherbrief 4, 16-18.

Einen Tag nach ihrem 89. Geburtstag komme ich sie besuchen. Sie sitzt an ihrem Lieblingsplatz: in dem Sessel vor dem Fenster. Als ich das Zimmer betrete, lächelt sie. In ihrem Schoß hält sie von beiden Händen fest umschlossen ihr altes Gesangbuch. Sie zwinkert mir zu: „Heute Morgen habe ich schon gesungen: Jesu geh voran…!“ Und schon stimmt sie in eine Liedzeile ein: „…und durch Trübsal hier führt der Weg zu dir.“

Ihr Gesichtsausdruck wird ernst. „Das haben wir damals so oft gesungen. Damals in dieser großen Trübsal. Ihre Hände umgreifen fest das Gesangbuch, und sie beginnt zu erzählen: von den Grauen des Krieges und von der Gefangenschaft, wie sie mit vielen anderen Frauen verschleppt wurde bis nach Sibirien. Nach verzweifelten Jahren im Arbeitslager durfte sie nach Hause zurückkehren. Endlich! War das ein großes Wunder! Ihr Tröster war damals dieses kleine Gesangbuch, ein Geschenk zur Konfirmation. Wie einen Schatz hatte sie es gehütet. Ein Stück Herrlichkeit in der traurigen Bedrängnis. 

Mit den Worten des Predigttextes für den Sonntag Jubilate nimmt der Apostel Paulus die Lasten und Schmerzen unseres menschlichen Lebens in den Blick. Jubeln und Singen angesichts großer Not? Paulus selbst weiß viel davon. Auch als Gesandter Gottes und als Nachfolger Jesu bleiben ihm Bedrängnis und Anfechtung nicht erspart: Verfolgungen, Kerkerhaft, Auseinandersetzungen in Korinth. Paulus muss sich immer wieder gegen Angriffe verteidigen.

Doch trotz aller Trübsal hier lenkt Paulus seinen Blick auf das, was man nicht sieht, was unsichtbar ist: die Herrlichkeit Gottes. Dabei denkt er einmal an die ewige Herrlichkeit, die jenseits auf uns wartet. Aber ich denke, Paulus weiß auch von einer diesseitigen Herrlichkeit Gottes, die wir schon jetzt spüren können. Die uns tröstet und trägt.

„Manchmal war mir, als spürte ich Gottes unsichtbare Hand auf der meinen“, so sagt die alte Dame am Ende des Besuches zu mir. „Und dann wusste ich ganz sicher: Gott ist bei mir, ER verlässt mich nicht.“

Unsere Autorin
Pastorin Viviane Schulz
ist Pastorin in Abtshagen-Elmenhorst (Pommern).

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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Über Flucht und Integration schreibt Franziska Albrecht. Sie ist Pastorin im niedersächsischen Uslar.

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