Einsichten – die christliche Kolumne

Die Kraft des Lebens

Über eine App, die sich mit dem Tod beschäftigt, schreibt Tatjana Pfendt. Sie ist Pastorin in Graal-Müritz (Mecklenburg-Vorpommern).

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“ aus 1. Philipper 1, 15-20

Apps gehören mittlerweile zum Alltag unseres Lebens. Ob Wetter-App, Liveticker-App, Taschenlampen-App – es gibt für alles eine App, die uns das Leben erleichtern soll. Seit einigen Wochen kursiert eine App, die uns das Leben auf den ersten Blick eher schwer macht. Sie heißt „WeCroak“, zu Deutsch: „wir kratzen ab“. Wer sich diese App auf dem Handy installiert, bekommt fünfmal am Tag die Nachricht: „Vergiss nicht: du wirst sterben!“ und dazu ein Zitat rund um den Tod. Ein Freund hatte sich besagte App gleich herunter geladen und mir bei seinem nächsten Besuch begeistert gezeigt. 

Ich fand das eher morbide als beflügelnd – warum sollte ich fünfmal am Tag daran erinnert werden wollen, dass ich – nun ja – „abkratzen“ werde? Ist das Leben nicht sowieso schon anstrengend genug? Warum nicht die Nachricht: „Übrigens, das Leben ist schön“? Die Erklärung ist einfach: Mit Hilfe der App soll der Mensch durch das Nachdenken über die eigene Sterblichkeit zum Glück finden – zum Glück, am Leben zu sein. 

Die Idee stammt ursprünglich aus Bhutan, wo eine Redensart besagt, dass ein glücklicher Mensch fünfmal am Tag über den Tod nachdenken müsste. Die Benachrichtigung auf das Handy kommt zu unbestimmten Zeiten, zufällig und unvorhersehbar – wie der Tod eben auch. Ziel ist es, unsere Sterblichkeit nicht mehr zu verdrängen, sondern uns mit ihr zu beschäftigen, wenn auch nur für einen Moment – um uns dann wieder voll dem Leben zuzuwenden, und das dann hoffentlich intensiver, lebendiger, bewusster. 

„Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn.“ Auch im Tod liegt die Kraft des Lebens. Durch das Beschauen unserer Sterblichkeit gewinnen wir die Erkenntnis der Schönheit unseres von Gott geschenkten Lebens, finden wir die Nähe zu Christus, der durch seinen Tod für uns ins Leben auferstanden ist, und ziehen die Kraft, seine frohe Botschaft weiter zu sagen. „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, so bittet es der Psalmbeter. Das klingt doch schon besser als „Wir kratzen ab“. 

Unsere Autorin
Tatjana Pfendt
ist Pastorin in Graal-Müritz (Mecklenburg-Vorpommern).

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

Einsichten – die christliche Kolumne aus den vorherigen Wochen

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Über kurze Nächte und lange Tage schreibt Pastor Tilman Baier. Er ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Kirchenzeitung MV.

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Über Schmerz, Schatten und Wunder schreibt Helga Ruch. Sie ist Pröpstin in Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern).

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