Plattdeutsche Andachten in der Wegekapelle von Klein Grönau

Eine fast verlorene Tradition

Gebaut wurde sie als Ort für Aussätzige. Heute ist die Wegekapelle von Klein Grönau ein Schmuckstück bei Lübeck – mit ganz besonderen Traditionen.

In der Wegekapelle von Klein Grönau werden sonntags plattdeutsche Gottesdienste gefeiert

von Bastian Modrow

Lübeck/Klein Grönau. Die Wege­kapelle zu Klein Grönau ist in den Sommermonaten ein fester Anlaufpunkt für Menschen, die die plattdeutsche Sprache lieben. Seit beinahe 60 Jahren gibt es immer sonntags die „Plattdüütsche Kark“.

Andreas Roxin engagiert sich seit etwa fünf Jahren in der Wegekapelle – anfangs noch als Glöckner. „Es ist tatsächlich die einzige Kirche in der Region, in der die Glocke noch per Hand geläutet wird“, berichtet der 66-Jährige. Seit einigen Jahren ist der gelernte Speditionskaufmann ehrenamtlicher Küster und immer an Ort und Stelle, wenn die Kapelle mit der besonderen Geschichte für Taufen, Hochzeiten und eben die plattdeutschen Sonntagsandachten vorbereitet werden muss. „Mir sind diese kleinen Gottesdienste sehr wichtig, weil mir die plattdeutsche Sprache viel bedeutet – weil ich möchte, dass das Niederdeutsche erhalten bleibt, weil ich möchte, dass unsere Kapelle nicht zu einem reinen Denkmal wird. Diese Mauern müssen leben.“

Als fast jeder Pastor Platt konnte

Seit 1963 finden in dem historischen Backsteinbau vor allem plattdeutsche Andachten statt. „Der mittlerweile pensionierte Pastor Joachim Siemers aus der Gemeinde St. Martin setzte sich sehr für die niederdeutschen Gottesdienste ein, was damals auch noch viel leichter war als heute – weil fast jeder Pastor, ob aus Lübeck oder dem Lauenburgischen, Platt sprechen konnte“, berichtet Andreas Roxin.

Andreas Roxin war zunächst Glöckner der Kapelle Foto: Kirchenkreis

Die Zeiten haben sich geändert – auch in der Bevölkerung. Einer Erhebung des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache aus dem Jahr 2016 können in Schleswig-Holstein nur noch 24,5 Prozent der Menschen Plattdeutsch sprechen. Vor allem finden aber immer weniger junge Menschen Zugang zur niederdeutschen Sprache „Umso wichtiger ist, dass es unsere plattdeutschen Andachten gibt, die natürlich von älteren Menschen besucht wird, wir freuen uns aber immer, wenn auch jüngere den Weg zu uns finden“, sagt Roxin.


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Und doch ist der Beginn der „Plattdüütschen Kark“ in diesem Jahr um eine halbe Stunde auf nun 9.30 Uhr verlegt worden. Grund dafür ist eine Änderung des Busfahrplans in der Region. Neben Beiträgen op Platt bildet die Musik einen wesentlichen Faktor der 30- bis 45- minütigen Andachten in der Wegekapelle, die auf zehn Bänken Platz für 40 Besuchende bietet.

Erbaut als Ort für Aussätzige

1409 ist die Wegekapelle zu Klein Grönau gebaut worden – als christlicher Ort des Gebets für Aussätzige. „Die Hansestadt Lübeck brachte damals vor den Toren der Stadt vor allem an Lepra erkrankte Menschen im sogenannten Siechenhaus unter, das um 1280 später mit einem Gehöft errichtet worden war“, berichtet Andreas Roxin. 1423 kaufte die Stadt Lübeck das Gelände mit Siechenhaus, Kapelle und Hofgebäude. So gibt es bis heute dieses kleine hübsche Gebiet im Lauenburgischen.

An der Alten Salzstraße

Im späteren Verlauf der Geschichte, als die Lepra besiegt war, bezogen alte Menschen das Siechenhaus und nutzten die kleine Kirche für Gottesdienste. In der Kapelle gibt es vieles Historisches und Außergewöhnliches zu entdecken – vom Weihwasserbecken aus Kalkstein, das die Zeit der Reformation unbeschadet überstanden hat, über eine geschnitzte Predella aus dem 15. Jahrhundert bis zu einer um 1700 entstandenen halblebensgroßen barocke Kreuzigungsgruppe, die ursprünglich aus dem Heiligen-Geist-Hospital stammt.

Ihren Namen erhielt die Wege­kapelle durch ihre Lage – direkt an der Alten Salzstraße zwischen Ratzeburg und Lübeck gelegen. Bis heute ist die kleine Kapelle in Klein Grönau ein Blickfang für jeden, der den Ort im Lauenburgischen passiert.

Info
Die Andachten beginnen jeweils sonntags um 9.30 Uhr in der Wegekapelle zu Klein Grönau, Hauptstraße 70f, in Groß Grönau. Am Sonntag, 17. Juli, predigt Hannelore Verwiebe, am 24. Juli Pastor Christian Kiesbye, am 31. Juli ist ein Abendmahlsgottesdienst mit Pröpstin Petra Kallies geplant. Zum Erntedankfest soll die letzte plattdeutsche Feier im Jahr 2022 in der Kapelle stattfinden.

Bastian Modrow ist Mitarbeiter der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg.

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