Westfälische Präses Annette Kurschus ist neue EKD-Ratsvorsitzende

Eine charismatische Stimme für den Protestantismus

Die neue EKD-Ratsvorsitzende gilt als begnadete Rednerin und versprüht viel Optimismus. Sie will sich auch in Politik und Gesellschaft einmischen. Ihre Richtschnur: Bibel und Theologie.

Mit Schwung hält Annette Kurschus ihre Antrittsrede

von Ingo Lehnick

Bielefeld/Bremen. Annette Kurschus hat Respekt vor ihrer Rolle als neues Gesicht des deutschen Protestantismus. Die Aufgaben und die Erwartungen an Kirche seien noch immer groß, sagt die frisch gekürte EKD-Ratsvorsitzende nach ihrer Wahl. Der Rückenwind der Synode, die sie mit 126 von 140 Stimmen an die Spitze der gut 20 Millionen Protestanten in Deutschland gewählt hat, sei ihr Auftrag und Ansporn. Es gehe darum, mit der christlichen Botschaft die Hoffnung wachzuhalten: „Wir haben einen Ton in das Leben einzutragen, den sonst niemand einträgt. Diesen Ton dürfen und werden wir der Welt nicht schuldig bleiben.“

Kurschus strahlt Optimismus und einen fröhlichen Glauben aus. Auch eine Kirche mit weniger Mitgliedern und weniger Geld werde ihre Stimme einbringen und in die Gesellschaft wirken. Von sinkenden Mitgliederzahlen lässt sich die 58-Jährige nicht Bange machen. Seit knapp zehn Jahren steht sie als leitende Theologin an der Spitze der Evangelischen Kirche von Westfalen, mit 2,1 Millionen Mitgliedern die viertgrößte deutsche Landeskirche.

Mit feinem Humor

Die westfälische Präses steht für eine zugleich fromme und politische Kirche. Sie gilt als charismatische Rednerin mit Sprachgefühl und feinem Humor. Ihr Amtsvorgänger im EKD-Ratsvorsitz, Heinrich Bedford-Strohm, lobte ihre „brillanten Predigten und Andachten“, mit denen sie viele Menschen immer wieder berühre. In der kommenden Woche bekommt Kurschus den Ökumenischen Predigtpreis, weil sie laut Jury Standards dafür gesetzt hat, „was Predigt einer Kirchenrepräsentantin etwa in öffentlicher Trauer bei Katastrophen leisten kann“.

 

Im Blick ist dabei vor allem, wie Kurschus 2015 nach dem Germanwings-Absturz mit 150 Toten im Trauergottesdienst im Kölner Dom das Entsetzen einfühlsam in Worte fasste. Auch der ZDF-Gottesdienst zu Ostern 2020 während des ersten Corona-Lockdowns brachte ihr viel Anerkennung ein. Die Universität Münster verlieh Kurschus 2019 für ihre Redekunst die Ehrendoktorwürde und bescheinigte ihr, sie trage geistliche Perspektiven in Politik und Gesellschaft ein und stärke so die Relevanz des Christentums.

Bibel und Theologie sind für die im pietistischen Siegerland aufgewachsene Kurschus „die Quellen, aus denen wir leben und reden und handeln“. Sie setze „auf die Kraft geistlich-theologischer Akzente“, sagt die Pastorentochter. Wo sich Kirche öffentlich zu Wort melde, müsse sie dies „erkennbar im Evangelium gegründet“ tun und „gelegentlich auch sperrig sein und auf Differenziertheit bestehen“.


Mehr zur Synode
Bischöfin Fehrs zur stellvertretenden Ratsvorsitzenden gewählt
Internet-Pastorin Teske zieht in EKD-Rat ein
Bischöfin Fehrs zu Missbrauchsbetroffenen: „Es tut mir sehr leid“


Nach sechs Jahren als Ratsvize im Schatten des medial äußerst präsenten Bedford-Strohm steht Kurschus nun in der ersten Reihe der EKD und will dort auf ihre eigene Art biblische Aspekte in die Öffentlichkeit bringen. Die Themen dürften sich dabei kaum ändern: Kurschus setzt sich in ihren bisherigen Spitzenämtern beharrlich für die Aufnahme von Flüchtlingen ein und wendet sich entschieden gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus. Beim Dortmunder Kirchentag 2019 unterstützte sie für die gastgebende Landeskirche die Entscheidung, AfD-Funktionären kein „Podium für ihre populistische Propaganda“ zu bieten.

Erste Gratulantin: Kirsten Fehrs (li.) beglückwünscht Annette Kurschus zum neuen Posten Foto: Jens Schulze / epd

Wichtige Themen sind für Kurschus auch der Klimaschutz und Solidarität mit „Verliererinnen und Abgehängten“. Es müsse alles getan werden, „um das Leben in seiner Vielfalt zu schützen und zu erhalten, damit auch unsere Kinder und Kindeskinder auf dieser Erde leben können“, sagt sie vor der Synode. Die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals will sie zur „Chefinnensache“ machen. Es gehe um verbindliche Strukturen und Konzepte, damit solche Taten nicht mehr passieren könnten.

Kurschus wurde am 14. Februar 1963 in Rotenburg an der Fulda geboren, sie ist ledig und hat keine Kinder. Nach Beginn eines Medizinstudiums wechselte sie 1983 zur evangelischen Theologie und studierte in Bonn, Marburg, Münster und Wuppertal. In Siegen machte sie ab 1989 ihr Vikariat, wurde 1993 Gemeindepfarrerin und 2005 Superintendentin.

Ihre zweite Liebe

Heute ist sie unter anderem Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bibelgesellschaft und EKD-Beauftragte für die Beziehungen zu den polnischen Kirchen sowie Mitglied im Kuratorium der Hochschule für Musik in Detmold – neben der Theologie ist die Musik Kurschus‘ zweite Liebe. (epd)

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren