Militärpfarrer spendet Segen

Ein Tag im Sommer 2020

Militärpfarrer Frank Leßmann-Pfeifer verabschiedet an einem Tag zwei Truppenteile in den Auslandseinsatz. Unter welch erschwerten Bedingungen diese derzeit erfolgen, schildert er in diesem Tagebucheintrag.

Abschied in Wilhelmshaven: Militärpfarrer Frank Leßmann-Pfeifer (l.) und sein katholischer Kollege Torsten Stemmer vor der Fregatte „Hamburg“

Nordholz. Dienstag, 4. August, vormittags: Gemeinsam mit meinem Pfarrhelfer Horst Bock bin ich nach Wilhelmshaven gefahren, um die Fregatte „Hamburg“ in ihren Einsatz im Mittelmeer zu verabschieden. Es liegt mir viel daran dabei zu sein, denn Ende Oktober will ich selbst auch auf diesem Schiff sein.

Am Kai stehen etliche Familien­angehörige, und doch sind es deutlich weniger als ich erwartet hatte. Viele verabschieden sich lieber schon zu Hause voneinander. Von der Frau eines Soldaten weiß ich, dass er es nicht gut haben kann, wenn sie dort steht. Lieber vorher voneinander Abschied nehmen, lieber allein als hier in der Menge. Leinen los. Langsam legt das Schiff ab.

Teile der Besatzung stehen an der Reling aufgereiht. Insgesamt sind es fast 250 Soldatinnen und Soldaten, die heute zu einem fünfmonatigen Einsatz aufbrechen. Unter ihnen ist auch mein katholischer Kollege aus Wilhelms­haven, Torsten Stemmer. Vom Band läuft Musik. Die „Hamburg“ wird erst am 20. Dezember wieder in Wilhelmshaven einlaufen. Und bis dahin wird die Besatzung das Schiff höchstwahrscheinlich nicht ein einziges Mal verlassen dürfen. So sehen Hafenaufenthalte während der Corona-Pandemie aus: Alle müssen an Bord bleiben.

Eine Pioniermission

In der Woche zuvor war ich gemeinsam mit Torsten Stemmer zum Vorgespräch mit dem Kommandanten und dem Ersten Offizier an Bord gewesen. Die „Hamburg“ gehört zum ersten Kontingent des neu eingerichteten EU-Einsatzes „Irini“. Ihr Auftrag besteht vor allem darin, die Einhaltung des Waffenembargos der Vereinten Nationen gegenüber Libyen zu kontrollieren. Es ist also eine Pioniermission, mit allen Unklarheiten und Unwägbarkeiten, die das mit sich bringt. Und noch dazu Corona.

Der Wunsch der Schiffsführung nach einer Begleitung der Mannschaft durch die Militärseelsorge wird deutlich ausgesprochen. Auch für erfahrene Marinesoldaten ist ein Einsatz unter Pandemiebedingungen eine ungewohnte Belastung. Das vor allem macht die Präsenz des Militärpfarrers an Bord so wichtig. Wir vereinbaren, dass mein katholischer Kollege die erste Hälfte der Zeit übernimmt und ich von Oktober an die zweite Hälfte.

Abschied in Wilhelmshaven Foto: Privat

Dienstag, 4. August, nachmittags: Zurück in Nordholz stehe ich in dem Bus, der das „Atalanta“-Vorkontingent nach Hannover bringen soll. Dort wartet eine zweiwöchige Quarantäne auf die Soldaten. Die gesamte Zeit werden sie in einem Hotelzimmer verbringen, das sie nur für 45 Minuten am Tag verlassen dürfen. Auch alle Mahlzeiten werden auf dem Zimmer eingenommen. Anschließend geht es direkt nach Dschibuti am Horn von Afrika.

Die Nordholzer Marineflieger haben dort seit vielen Jahren im Rahmen der EU-Mission „Atalanta“ den Auftrag der Seefernaufklärung über der somalischen Küste. In erster Linie geht es dabei um den Schutz der Seewege vor Piraten. Etliche Nordholzer Soldaten sind „Atalanta“-Veteranen und waren schon oft in Dschibuti. Sie kennen den Dienst und das Leben dort. Aber sie waren noch nie unter Corona-Bedingungen in Afrika.

Quarantäne vor dem Einsatz

Am Flughafen von Dschibuti wird eine zweite Quarantäne auf sie warten, bevor der Einsatz dann endlich beginnt. Und auch er wird vier Monate lang unter den Bedingungen der Pandemie stattfinden, die den Alltag stark einschränken.

Ich denke, es sind die zwiespältigen Gefühle dieses Corona-Sommers, die dazu geführt haben, dass ich jetzt in diesem Bus stehe. Aus dem Kontingent heraus ist der Wunsch an mich herangetragen worden, der Gruppe einen Reise­segen zuzusprechen. Eine Woche später, wenn ich selbst Urlaub habe, wird mein Pfarrhelfer hier stehen, um dann den Soldaten des Hauptkontingents Gottes Segen für ihren Einsatz mitzugeben.

Es sind meine Eindrücke eines Tages im Sommer 2020, die ich hier weitergebe. Sie deuten an, in welchem Ausmaß die Pandemie auch die Soldatinnen und Soldaten in den Auslandseinsätzen und ihre Familien zu Hause betrifft. Die Fregatte „Hamburg“ wird kurz vor Weihnachten wieder zu Hause sein, genauso wie die Nordholzer Marineflieger. Genug Zeit, an die Soldatinnen und Soldaten und ihre Familien zu denken und sie mit einem Gebet zu begleiten.

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