Einsichten – die christliche Kolumne

Ein Gebet mit beiden Händen

Über fromme Haltung und das entsprechende Verhalten schreibt Roland Springborn. Er ist Pastor im Ruhestand und lebt in Greifswald.

Der Predigttext des kommenden Sonntags lautet: „„… und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus“ aus Jesaja 58,7a

Eine Hand ist in Gottes Augen zu wenig. Deshalb ist er ungehalten, fast zornig gegenüber den Frommen. Sie berufen sich auf ihre Leistungen wie fasten, Entbehrungen auf sich zu nehmen und in Sack und Asche zu gehen. Alle Achtung davor.

Doch das ist leider nur die eine Seite. Ihre fromme Haltung spiegelt sich nicht in ihrem Verhalten zu anderen Menschen wider. Während sie die eine Hand zum Himmel heben, schlagen sie mit der anderen auf ihre Mitmenschen ein, gehen ihren Geschäften nach. Ihr Portemonnaie ist ihr empfindlichstes Körperteil. Da wäscht eine Hand die andere, aber keine wird sauber. Solche Einhand-Beter finden bei Gott kein Wohlgefallen. Für ihn gehören Feiertag und Alltag, Herz und Hände, Gebet und Tun zusammen. Vieles bietet sich dafür im täglichen Leben an, wie Essen teilen, Kleidung geben, Obdach gewähren, Freiheit und Gemeinschaft schenken.

„Siehe, hier bin ich“

Das ist in der heutigen zermürbenden Zeit wichtig: Beide Hände möchten beten, beide Hände helfen. Sie sind wie die beiden Riemen beim Rudern. Fehlt einer, drehe ich mich nur im Kreis um mich selbst. Wir sind am Beginn der Fastenzeit. Das Gebet und manche geübte Enthaltsamkeit möchten wir nicht nur (ver)sprechen, sondern auch leben. Wo das geschieht, so lesen wir bei Jesaja, da wird es hell und heil und die Nähe Gottes erfahrbar, wenn er sagt: „Siehe, hier bin ich.“

Einer, bei dem Herz und beide Hände zusammenkamen, war Johannes Daniel Falk. An diesem Sonntag ist sein 195. Todestag. Nachdem er vier seiner sieben Kinder durch eine Typhus­seuche verloren hatte, gründete er in Weimar das „Rettungshaus für verwahrloste Kinder“. Den dort im Elend ohne Obdach aufgenommenen Kindern widmete er vermutlich 1815 das bekannteste Weihnachtslied der Welt „O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit!“ Siehe, hier bin ich. Gott ist da. Bleiben Sie behütet.

Unser Autor
Roland Springborn ist Pastor im Ruhestand und lebt in Greifswald.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Dienstag.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren